Schloss Nymphenburg (»Grüner Saal«)

Die Schwalbe suchte sich ein Nest

Die hohen Fenster sind mit Holzläden verrammelt, Möbel, die nicht hierher gehören, verstellen den Weg; sonst aber ist alles »original 1777«. Ein 16 mal acht Meter großer Raum, ein Marmorkamin, zwei Stucköfen, an der Decke dezente Stuckierung. Von Spanntüchern an den Wänden blicken, zartgrün auf weiß gezeichnet, mythologische Figuren auf uns: der Leierspieler Arion auf dem Delphin, Bacchus und Ariadne, Ganymed und Hermes. So sieht der heute für die Öffentlichkeit nicht zugängliche »Grüne Saal« von Schloss Nymphenburg aus, einst Speisesaal der Cavaliere.

Rückblende: Es ist Sonntag, der 12. Mai 1799. Die Fenster sind weit auf, auch die beiden großen Türen zu dem Saal. 150 Menschen, Kammerzofen und -diener, Offiziere, Beamte drängen herein. Ernst blickt Hermes, der Gott der Händler und Gauner, auf ein verändertes Arrangement: Der Speisetisch ist beiseite geräumt; ein einfach gezimmertes Stehpult ist aufgebaut, das mit einem rotsamtenen Tuch mit goldenen Borten geschmückt ist; daneben ein Orgelportativ.

Jetzt tritt - durch einen eigenen Zugang direkt aus ihren Privatgemächern - sie auf: Kurfürstin Caroline, 23 Jahre jung und - nun ja - sehr schön. Frisch verheiratet mit einem 20 Jahre älteren Gatten, der »ganz verrückt nach ihr ist« und dem sie in einem Ehevertrag einiges diktiert hat, zum Beispiel das Recht auf einen eigenen Kabinettsprediger.

Der Südflügel von Schloss Nymphenburg. Der »Grüne Saal« ist der Eckraum im 1. Stock.

Und nun, 10 Uhr morgens, womöglich also zur selben Zeit, da drüben in der Schlosskapelle im Nordflügel die katholische Messe zusammen mit Kurfürst Max Joseph gefeiert wird, findet hier im »Grünen Saal«, improvisiert und doch von höchster Stelle gewollt, der erste evangelische Gottesdienst seit der Reformation in München statt. Kabinettsprediger Ludwig Friedrich Schmidt, wie die Prinzessin aus Baden, legt einen Vers aus dem 84. Psalm zugrunde: »Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ihr Nest: deine Altäre, Herr Zebaoth«.

An diesem Sonntagvormittag ist die Zeitenwende in Kurbayern förmlich zu greifen. Es ist seit 1522, von drei Flecken in der Peripherie abgesehen, ein zutiefst katholisches Land. Wohl gärte anfangs die Reformation sehr, und München wäre, davon ist der Münchner Kirchenhistoriker Armin Rudi Kitzmann überzeugt, eine protestantische Stadt geworden, wenn die Fürsten es zugelassen hätten. Der Augustiner Johann von Staupitz, Luthers Freund, hatte viel Zulauf, lutherische Psalmen wurden im Wettstreit gegen Marienlieder gesungen, ein Hofkapellmeister war aufrecht protestantisch.

Doch 1575 ist München protestantenfrei. Gleich neben dem lutherfreundlichen Augustinerkloster wurde mit der Michaelskirche und dem Jesuiten-Kolleg ein antireformatorischer Sperrriegel gesetzt, in der Fassade der Kirche Erzengel Michael, der den Satan ersticht. Das ist der Triumph der katholischen Kirche über die protestantische Irrlehre, und es ist eine Merkwürdigkeit Münchens, dass die protestantische Spurensuche hier einsetzt.

Katholizismus war Staatsreligion, der Protestantismus wurde über hunderte von Jahren bis zu jenem Sonntagvormittag im Mai 1799 bekämpft. Nichts macht heute das historische Geschehen im Nymphenburger Schloss sichtbar, das ja nicht weniger als eine Wende im religiösen Leben Münchens markiert.

Doch immerhin findet sich eine Notiz im historischen Inventarbuch des »Grünen Saals«: »1 Rothsameter Tepich mit goldnen borten, so zur Kanzl in der evangelisch Kirch gebraucht: aber vom Tapezier Vögele in die Stadt gebracht worden«. Die Schwalbe war, am Ende des Sommers 1799, schon wieder weiter gezogen. Und ein Herr Vögele, gewiss kein Oberbayer, sondern ein evangelischer Handwerker aus Carolines Hofstaat, hatte ihr das Parament nachgetragen.

Lutz Taubert

 

Kurzbeschreibung: 
Südflügel von Schloss Nymphenburg, 1. Stock, der »Grüne Saal«: An diesem (heute der Öffentlichkeit nicht zugänglichen) Ort fand am 12. Mai 1799 der erste evangelische Gottesdienst in München seit der Reformationszeit statt. Die junge Kurfürstin Friederike Karoline (1776 - 1841) hatte sich in ihrem Ehevertrag ausbedungen, an ihrer protestantischen Konfession festhalten zu dürfen. Aus Baden hatte sie als Hofprediger Ludwig Friedrich Schmidt (1764 - 1857) mitgebracht. Schmidt hielt den historischen Gottesdienst für die Kurfürstin und evangelische Bedienstete des Hofes. Sowohl die spätere erste bayerische Königin als auch ihr Hofprediger Schmidt erlebten noch, dass 34 Jahre später, im August 1833, Münchens erste evangelische Kirche eingeweiht wurde.
Der Südflügel von Schloss Nymphenburg. Der »Grüne Saal« ist der Eckraum im 1. St
Karoline Friederike von Baden (1776-1841).
Schloss Nymphenburg (Blick vom Schlosspark nach Osten).
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