Salvatorkirche

Protestanten, Griechen und bayerische Könige

Sie war ein Geschenk des Königs, die Salvatorkirche, doch Münchens Protestanten war sie zu klein und zu schäbig.

Gerade erst hatte 1801 mit dem aus Mannheim stammenden Weinhändler Johann Balthasar Michel der erste Protestant seit der Reformationszeit in München Bürgerrecht erhalten. Doch die rasch wachsende evangelische Gemeinde der Residenzstadt war anspruchsvoll und hatte andere, hochfliegende Pläne (zum Beispiel ein Kirchenneubau durch den Star-Architekten Leo Klenze aus dem nur leider nie etwas wurde. Hätten Münchens Protestanten die Kirche damals nicht so schnöde verschmäht (und nicht 1833 in der Sonnenstraße neu gebaut), dann wären sie heute womöglich im Besitz einer Kirche in der innersten Altstadt, die ihnen bis heute fehlt.

Zur Ehrenrettung der damaligen Münchner evangelischen Kirchenleitung muss allerdings gesagt werden, dass die Kirche tatsächlich schon damals zu klein gewesen wäre. Und außerdem diente St. Salvator seit der Säkularisation 1803 nicht mehr als Kirche, sondern als Abstellraum, Wagenremise und Getreidespeicher.

Dass der Sanierungsaufwand bereits damals beträchtlich gewesen sein muss, hat in den letzten Jahren die griechisch-orthodoxe Gemeinde erfahren. Ihr gehört das spätgotische Gotteshaus, seit sie es 1829 von den Protestanten »erbte«. Der Beginn einer bayerisch-hellenischen Erfolgsgeschichte: Nicht nur für Münchens Oberbürgermeister Christian Ude sind die Griechen in der Landeshauptstadt heute »das Musterbeispiel einer erfolgreichen Integration, von der beide Seiten profitieren«.

Freilich waren die Voraussetzungen für die Griechen in München von je her besonders günstig. Im bayerischen Königshaus empfand man »philhellenisch«, war begeistert von Kunst und Architektur der Antike. Die klassizistische Bauwut der Wittelsbacher prägt Bayern bis heute. König Ludwig I. träumte von einem »Isar-Athen«: Mit dem »griechischen« Königsplatz-Ensemble, mit Feldherrnhalle und Ludwigstraße, die in der mittelitalienischen Renaissance und in Florenz ihre Vorbilder haben, schuf Ludwig wesentliche Züge im Antlitz des heutigen München.

Ottos griechisches Abenteuer

Das Innere der Salvatorkirche nach der Renovierung von 2009/10.Die bayerischen Herrscher engagierten sich aber auch im »Freiheitskampf der Hellenen«, die Anfang des 19. Jahrhunderts dabei waren, das Joch der Türkenherrschaft abzuschütteln. Ludwig I. witterte die Chance, in Griechenland eine bayerisch-hellenische Dynastie zu etablieren. Sein erst 16-jähriger zweitgeborener Sohn Otto wurde 1832 König von Griechenland. Dabei zog auch ein evangelischer Lehrer Ottos die Strippen: Friedrich Thiersch (1784 - 1860), als streitbarer Vater der humanistischen Bildungsreform auch ehrfürchtig »Praeceptor Bavariae« (»Lehrer Bayerns«) genannt.

Die griechischen Farben Blau und Weiß stammen zwar nicht aus Bayern. Aber Otto brachte helles bayerisches Blau für die griechische Fahne mit. Und diese wurde nun bayerisch »weiß-blau«: Aus dem bisher blauen Kreuz auf weißem Grund wurde nun ein weißes Kreuz auf blauem Grund – bis heute so ein Teil der griechischen Flagge. Ansonsten glückte ihm die Sache mit den Griechen bekanntlich nicht so recht, und Otto starb 1867 in Bamberg, wo er sich seit 1862 im »Exil« befand. Jeden Abend zwischen sechs und acht wurde an seinem Hof nur griechisch gesprochen, weil sich der Wittelsbacher so nach Griechenland sehnte.

Friedhofskirche mit Klenze-Ikonostase

Auch über das Ende des bayerischen Abenteuers in Griechenland hinaus blieb den Münchner Griechen die Salvatorkirche, die sie selbst »Verklärung des Erlösers« nennen. Baumeister Leo Klenze – ebenso graecophil wie sein König, Ludwig I. – schuf ihnen die Ikonostase (also die Ikonenwand, die in orthodoxen Kirchen den Kirchenraum vom Altarraum trennt).

Trotzdem blieb St. Salvator als spätgotische ehemalige Friedhofskirche erkennbar – bis heute. Hier befand sich von Ende des 15. Jahrhunderts bis 1789 der zur Frauenkirche gehörige Salvatorfriedhof, auf dem einige namhafte Menschen bestattet wurden: der ältere François de Cuvilliés (1695 – 1768) zum Beispiel, der Maler Hans Mielich (1516 – 1573), der Komponist Orlando di Lasso (um 1530 – 1594) oder der Vater des Terror-Revolutionärs Robespierre. Das nach 1789 zugemauerte Seitenportal auf der Nordseite (um Literaturhaus hin) führte direkt auf den Friedhof. Im Zuge der jüngsten Sanierung der Kirche wurde das Tor 2009/10 wieder geöffnet.

Wie es sich für einen mittelalterlichen Gottesacker gehört, lag er an einer Stadtmauer. Ein paar Reste der Mauer, mit der Kaiser Ludwig der Bayer sein München kräftig ausbaute sind in der Nähe der Salvatorkirche noch zu finden: Hier befand sich der 1804 abgetragene Jungfernturm. Zu Ludwigs Stadtmauer gehörte im Osten das Isartor, im Süden das Sendlinger Tor und im Westen das Neuhauser Tor (heute Karlstor). Im Norden begrenzte das Untere Herrntor (später Schwabinger Tor) die Stadt etwa an der Stelle des heutigen Odeonsplatzes. Dieser zweite Mauerring stand bis zum Ende des 18. Jahrhunderts und begrenzte das befestigte Stadtgebiet.

Der Baumeister der Salvatorkirche ist nicht sicher bekannt. Wahrscheinlich war es Lukas Rottaler, ein Schüler Jörg von Halspachs (oder: Ganghofer) und dessen Nachfolger an der Baustelle der Frauenkirche. Urkundlich belegt ist, dass die Salvatorkirche am 15. August 1494 eingeweiht wurde.

Sein Vater hatte die heruntergekommene Kirche den Protestanten vermacht. Als die mit ihrem Kirchenneubau auf der Sonnenstraße begonnen hatten, schlug Ludwig I. die Salvator-Kirche 1828 den 30 in München lebenden Griechen zur gottesdienstlichen Nutzung zu. Die meisten von ihnen waren Studenten oder Militärkadetten. Die Kirche selbst blieb im Besitz der Krone und ist bis heute Eigentum des Freistaates Bayern. Als Klenze mit dem Umbau fertig war, fand am Nikolaustag 1829 der erste Gottesdienst nach orthodoxem Ritus statt.

Heute leben etwa 23.000 Griechen in München. Viele von freuen sich mit dem heutigen Hausherren der Salvatorkirche, Apostolos Malamoussis, dessen Titel schlicht »Erzpriester des Ökumenischen Patriarchats und Bischöflicher Vikar in Bayern der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland« lautet. Denn seit Mai 2010 erstrahlt die Salvatorkirche, hell und lichtdurchflutet nach einer rund zwei Millionen Euro teuren Generalsanierung in seit Jahrhunderten nicht mehr gesehenem Glanz.

Ein Drittel der Kosten hat die griechische Gemeinde über Spenden aufgebracht. Den Rest trug der Rechtsnachfolger von Max Joseph, Ludwig und allen anderen Wittelsbacher-Herrschern: der Freistaat Bayern.

 

Salvatorkirche
Salvatorplatz 17
80333 München

Tel: (089) 22 80 76 76

Öffnungszeiten: Während der Gottesdienste sind keine Besichtigungen möglich.

http://www.salvator-kirche.de/

Kurzbeschreibung: 
Sie war 1806 ein Geschenk von König Max I. Joseph an die Protestanten seiner Residenzstadt, doch Münchens Evangelischen war die heruntergekommene Salvatorkirche mitten in der Altstadt zu klein und zu schäbig. Die ehemalige Friedhofskirche des Frauenkirchenfriedhofs diente seit der Säkularisation 1803 als Wagenremise und Getreidespeicher. Als die Protestanten auf der Sonnenstraße eine große neue Kirche bauten, schlug der philhellenisch begeisterte König Ludwig I. St. Salvator 1829 den etwa 30 in München lebenden Griechen zu. Inzwischen leben rund 23.000 Griechen in München. Und St. Salvator, gerade frisch renoviert, ist eine griechisch-orthodoxe Kirche geblieben. Münchens Protestanten dagegen haben noch immer keine Kirche in der Altstadt Münchens.
Das Innere der Salvatorkirche nach der Renovierung von 2009/10.
Karl August Lebschée, Ansicht der Salvatorkirche um 1830.
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