Viktualienmarkt (Karl-Valentin-Brunnen)

»Ich, Karl Valentin, ein Münchner Komiker, bin der Sohn eines Ehepaares. Aus Gesundheitsrücksichten erlernte ich im Alter von zwölf Jahren die Abnormität und zeigte nach reiflicher Überlegung Talent zum Zeitungslesen. Mein Hang zur Musik ist alltäglich. Am liebsten höre ich zu, wenn ich selbst spiele« - so charakterisierte sich Kabarettist, der am 4. Juni 1882 als Valentin Ludwig Fey in der Münchner Vorstadt Au zur Welt kam (Entenbachstraße 63/I links - heute Zeppelinstr. 49).

Sechs Tage später wurde er getauft: evangelisch, in der alten Matthäuskirche auf der Sonnenstraße. Ja, tatsächlich, Karl Valentin, das Münchner Original war evangelisch (wie übrigens auch der Satiriker und Kabarettist Gerhard Polt). Wenn man in der dritten Generation in München geboren sein muss, um als »echter Münchner« zu gelten, dann war Karl Valentin ein »Zuagroaster«, ein Migrantenkind.

Sein Vater ist der Spediteur Valentin Fey, geboren in Darmstadt. Er war in erster Ehe mit einer geborenen Falk aus München verheiratet und in das Geschäft des Schwiegervaters eingetreten - daher die Firmenbezeichnung 'Falk & Fey'. Valentins Mutter, Maria Johanna Fey, geb. Schatte, stammt aus dem sächsischen Zittau.

In der Schule macht ihm außer Singen, Zeichnen und Turnen nichts Spaß. Später hat Valentin, der wegen seiner Lausbubenstreiche ständigen Ärger hat, seine Schulzeit mit einer Zuchthausstrafe verglichen, die er in Münchner Erziehungsanstalten habe absitzen müssen.

Karl machte eine Schreinerlehre, entdeckte seine Liebe für das Variete und ließ sich dort zum »Vereinshumoristen« ausbilden. In seiner Werkstatt schuf er Bühnenrequisiten. Bereits sein erstes Engagement im Variete-Zeughaus in Nürnberg war ein Erfolg.

Als der Vater 1902 starb, investierte Valentin sein Erbe in ein »Orchestrion« mit zwanzig Musikinstrumenten, mit dem er durch Deutschland touren wollte. Der Apparat wog acht Zentner und »hatte nur einen Nachteil: Das Publikum war entsetzt darüber«, vermerkte Valentin und versuchte es fortan als Volkssänger.

»Mein Körpergewicht ist unwichtig, meine Größe länglich, mein Gang beweglich, mein Charakter charakteristisch, meine Haltung lächerlich und mein Hemd farbig«, schrieb Valentin und konstatierte: »Ich lebe von der Unsinnsfabrikation, wie die meisten meiner Mitmenschen - Reichstagsabgeordneter gedenke ich bei einem eventuellen Stellungswechsel immer werden zu können«.

1911 lernte Valentin die 18-jährige Sängerin Liesl Karlstadt kennen. Sie wurde seine kongeniale Bühnenpartnerin - und seine Geliebte, was zur Trennung von seiner Ehefrau Gisela Royes führte. Mit ihr hatte er zwei Töchter.

Es folgten Karl Valentins große Jahre - ausverkaufte Variete-Häuser sowie Gastspiele in Wien, Zürich und Berlin, Filmaufnahmen und Schallplattenaufträge. Unaufhörlich kritzelte er mit Bleistiftstummeln Couplets und Sketche, Lieder und Monologe. Mit seinen spindeldürren Beinen, dem faltigen Gesicht eines Leguans und traurigen Augen trat er auf als Schneidermeister Hinkebei, als Alpensängerterzett oder Tiefseetaucher. Er sei ein »seltener, trauriger, unirdischer, maßlos lustiger Komiker«, befand Kurt Tucholsky, und Bert Brecht notierte: »Der Mann ist selbst ein Witz.«

Auf den Nationalsozialismus reagierte Valentin mit Rückzug. »Karl Valentin bittet uns um die Mitteilung, dass die politischen Witze, die ihm vielfach nachgesagt werden, nicht von ihm stammen«, vermerkte die Abendzeitung 1933. Statt aufzutreten arbeitete Valentin an seinem Wachsfigurenkabinett »Panoptikum«. Doch wie fast alle Geschäftsideen war das Museum ein Fiasko und musste nach nur 17 Monaten schließen.

Nach dem Krieg konnte Valentin nicht mehr richtig Fuß fassen. Seine Zukunftspläne - eine Singspielhalle, ein Panorama mit Stereoskopbildern oder ein Museum für seine umfangreiche Postkartensammlung - blieben Zettelträume. Seine Texte seien durchzogen von »Angst, Verzweiflung und Pessimismus«, befand der Kritiker Manfred Faust. Der Bayerische Rundfunk lehnte sie mit der Begründung ab, es sei »alter, verstaubter Münchner Humor«.

Erst in den 60er-Jahren wurde Karl Valentin in München wiederentdeckt. Heute gibt es ein »Valentin-Musäum« am Marienplatz im Turm des Alten Rathauses, eine Bronzefigur auf dem Viktualienmarkt und einen städtischen »Karl-Valentin-Preis«.

Am Ende seines Lebens schlug sich Valentin mit Schreinerarbeiten durch. Tage vor seinem Tod soll Valentin angeblich nach einer Vorstellung in einer Münchner Gaststätte, versehentlich in eine eiskalte Garderobe eingeschlossen worden sein, wo er die ganze Nacht verbringen musste. Am Rosenmontag, dem 9. Februar 1948, starb Karl Valentin jedenfalls an einer Lungenentzündung. Er wog noch 93 Pfund.

Am Aschermittwoch wurde er bei strömendem Regen auf dem Planegger Waldfriedhof beerdigt. Unter den rund 100 Trauergästen waren nur wenige Münchner – und kein einziger Vertreter der Stadt München oder eines Theaters sprach ein letztes Wort an seinem Grab. Der Münchner Journalist und Schriftsteller Sigi Sommer erfand für Valentin letzte Worte, die so treffend sind, dass sie Karl Valentin oft selbst in den Mund gelegt werden: »Wenn i gwußt hätt, wie schön das Sterben is, wär i scho vui früher gstorbn«.

Rieke C. Harmsen / ms

 

Der Viktualienmarkt ist geöffnet von Mo bis Fr von 10 bis 18 Uhr, Sa von 10 bis 15 Uhr.

http://www.viktualienmarkt-muenchen.de

Kurzbeschreibung: 
Wenn sich die Düfte des Viktualienmarkts vermischen, wird es nicht nur Münchnern warm ums Herz. Auf Münchens schönstem Markt gibt es alles, was das Herz begehrt. Und schon allein die Marktleute lohnen das Schauen und Flanieren. Und danach lockt eine gemütliche Einkehr im Biergarten auf dem Viktualienmarkt. Seit über 200 Jahren, seit 1807, findet der Viktualienmarkt auf dem Hof des ehemaligen Heiliggeistspitals statt. Mitten zwischen den Marktständen stehen zwei stets mit Blumen geschmückte Gedenkbrunnen: für die Volkssänger und Komiker Liesl Karlstadt (Elisabeth Wellano, 1892 - 1960) und für Karl Valentin (1882 - 1948). Das Münchner Original wuchs in der Au als Sohn von »Zuagroasten« aus dem Norden auf - und war evangelisch.
Liesl-Karlstadt-Brunnen
Karl-Valentin-Briefmarke aus dem Jubiläumsjahr 2007.
Loading...
  • 48.134762°, 11.576065°
Adresse
Strasse: 
Viktualienmarkt
PLZ: 
80331
Ort: 
München