Buchhandlung Christian Kaiser im Rathaus (heute Stadtinformation)

Unter die Mörder gefallen

1911 - München leuchtete. Und bot dem Württemberger Pfarrerssohn und Buchhändler Albert Lempp eine Marktlücke: einen kleinen Verlag mit evangelischem Profil.

Der 27-jährige Jungverleger Lempp übernahm den schon einige Zeit vor sich hindümpelnden Christian Kaiser Verlag, der im 19. Jahrhundert der Hausverlag der kleinen protestantischen Gemeinde Münchens gewesen war. Von Anfang an setzte Lempp auf Autoren jenseits des evangelisch-theologischen Mainstreams, die eines verband: Sie alle lagen mit der Kirchenleitung, dem evangelisch-lutherischen Oberkonsistorium in München, in herzlichem Streit.

Karl Barth und sein »Römerbrief«

Nach dem Ersten Weltkrieg bahnte sich eine folgenreiche verlegerische Entscheidung an: Nachdem zuvor drei Schweizer Verlage abgelehnt hatten, war Karl Barths Römerbriefauslegung 1919 im Berner Bäschlin-Verlag erschienen. Und hatte Furore gemacht. Zu den begeisterten Rezensenten gehörte auch der oberfränkische Theologe Georg Merz (1892 - 1959), der 1918 als Pfarrer nach München-Laim gekommen war. Sofort hatte Merz vorausgesagt, Barth werde »den Gang der Theologie auf lange hinaus bestimmen«.

Weil bei den Schweizern der Absatz von Barths Buch nach wenigen hundert Exemplaren lahmte, empfahl Merz seinem Freund Lempp, die Restauflage zu übernehmen. Von München aus konnte Lempp diese so rasch verkaufen, dass bald eine Neuauflage nötig wurde. Sie erschien 1922 in Lempps Chr. Kaiser Verlag. Und verhalf Barths dialektischer »Wort Gottes«-Theologie zum Durchbruch - ließ aus dem Schweizer Dorfpfarrer einen evangelischen »Kirchenvater des 20. Jahrhunderts« werden.

Georg Merz wurde Chef-Lektor des Chr. Kaiser Verlags und theologischer Berater Lempps. In dessen Verlag gab Merz von 1922 bis 1933 die legendäre Zeitschrift »Zwischen den Zeiten« heraus. Karl Barth, Friedrich Gogarten, Eduard Thurneysen und Rudolf Bultmann gehörten zu den festen Autoren. Lempps Chr. Kaiser Verlag machte aus der katholischen Hauptstadt München einen wichtigen Ort evangelischer Theologie.

Hilfe für Juden und Christen jüdischer Herkunft

Mutig unterstützte Lempp nach 1933 die Bekennende Kirche. Und er mischte sich ein in seiner Kirche: zum Beispiel als Kirchenvorsteher von St. Markus. In deren Gemeindegebiet, in der Schwabinger Isabellstraße, hatte sich Lempp 1927 ein Haus gekauft. Hier traf sich der »Lempp'sche Kreis«, der nach außen als Bibelkreis mit frommen Vorträgen firmierte, tatsächlich aber eine Art konspirative Runde war, die mit Kriegsbeginn »Feindsender« hörte, vor allem aber Hilfe für bedrängte Christen jüdischer Herkunft organisierte. Zum Beispiel für Lempps jüdischen Prokuristen Otto Salomon, den Lempp bis 1938 im Betrieb halten konnte. Später ermöglichte er Salomon und seiner Frau die Ausreise in die sichere Schweiz.

Zum Kreis gehörte neben Lempps Frau Marie und Georg Merz auch Carl-Günther Schweitzer, ein zwangsbeurlaubter Berliner Pfarrer mit jüdischen Wurzeln, der 1939 emigrieren konnte. Neben Pfarrern wie Kurt Frör, Walter Hennighausen und Hermann Diem waren der Münchner Landgerichtsrat Emil Höchstädter und der Besitzer des Ackermann-Verlages, der Schweizer Walter Classen wichtige Mitglieder.

Immer wieder war es ab 1934 zu Beschlagnahmungen von Schriften in Lempps Buchhandlung am Marienplatz gekommen, immer wieder wurden Schriften vom Regime verboten. 1937 wurde Lempp, der fleißig Bekenntnispredigten und andere Schriften der Bekennenden Kirche publizierte, oder auch die Zeichnung »Blick aus der Gefängniszelle Weilheim« des inhaftierten Penzberger Vikars Karl Steinbauer, endgültig als »unzuverlässig« aus der Reichspressekammer ausgeschlossen.

1943 wollte der Kreis nicht länger zur Judenverfolgung des NS-Regimes schweigen: Hermann Diem verfasste eine »Denkschrift der Münchner Laien« (siehe unten), die Mitglieder des Lempp'schen Kreises persönlich Bischof Hans Meiser überbrachten. Meiser habe verständnisvoll reagiert, erinnerte sich Walter Höchstädter später: Er bedauere die schrecklichen Dinge, die in Polen und in den KZs geschähen, habe Meiser gesagt, aber er und die Kirche könnten offiziell nichts tun.

1940 zwang man Lempp, seinen Verlag in »Ev. Verlag A. Lempp/München früher Chr. Kaiser Verlag« umzubenennen. Dass sein Verlag - nach einer neuerlichen und negativ ausgefallenen Manuskriptprüfung durch die Reichsschrifttumsstelle des Propagandaministeriums - Ende August 1943 endgültig geschlossen wurde, hat Albert Lempp nicht mehr erlebt. Am 9. Juni 1943 ist er im Alter von 59 Jahren in München an einem Schlaganfall gestorben. Sein Grab befindet sich auf dem Waldfriedhof.

Aus der »Osterbotschaft Münchner Laien« an Landesbischof Hans Meiser zu Ostern 1943:

»Hochwürdiger Herr Landesbischof! Als Christen können wir es nicht mehr länger ertragen, dass die Kirche in Deutschland zu den Judenverfolgungen schweigt. (...) Was uns treibt, ist zunächst das einfache Gebot der Nächstenliebe, wie es Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter ausgelegt und dabei ausdrücklich jede Einschränkung auf den Glaubens-, Rassen- oder Volksgenossen abgewehrt hat. Jeder 'Nichtarier', ob Jude oder Christ, ist heute in Deutschland der 'unter die Mörder Gefallene' und wir sind gefragt, ob wir ihm wie der Priester und Levit oder wie der Samariter begegnen. (...)«

Kurzbeschreibung: 
Wo sich heute im Rathaus die Stadtinformation befindet, war von den 20er-Jahren bis 1986 die Buchhandlung Chr. Kaiser. Die Buchhandlung und der gleichnamige Verlag sind eng mit der Geschichte der Protestanten in München verbunden. Wilhelm Heinrich Christian Kaiser (1814 - 1866) begründete 1845 so etwas wie den »Hausverlag der evangelischen Gemeinde«. 1911 übernahm der württembergische Pfarrersohn Albert Lempp (1884 - 1943) den etwas heruntergekommenen Verlag. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg traf Lempp eine ebenso folgen- und erfolgreiche verlegerische Entscheidung: Er veröffentlichte den Römerbrief-Kommentar des damals noch unbekannten Schweizer Pfarrers Karl Barth (1886 - 1968). Der Chr. Kaiser Verlag wurde zum führenden Verlag der »Dialektischen Theologie«, die Generationen von evangelischen Theologen prägte. In der Zeit des Nationalsozialismus ging von einem Kreis um Albert Lempp mit der »Osterbotschaft Münchner Laien« 1943 eine der deutlichsten protestantischen Stellungnahmen gegen die nationalsozialistische Judenverfolgung hervor.
Münchner Kindl mit Signet des Chr. Kaiser Verlags: Windfahne auf dem Dach des Ve
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