Landeskirchenamt

Das Landeskirchenamt München ist das Konsistorium der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Die kirchliche Behörde, die für die Verwaltung der bayerischen Landeskirche zuständig ist, befindet sich der Münchener Maxvorstadt in der ehemaligen Meiserstraße mit einzelnen ausgelagerten Abteilungen in der Karlstraße und der Marsstraße. Das Landeskirchenamt in München ist der Amtssitz des bayerischen Landesbischofs, des Vorsitzenden des Landeskirchenrats, der sich wiederum aus den Leitern der Abteilungen des Landeskirchenamts und den Regionalbischöfen der Landeskirche zusammensetzt.

Zum 50. Todestag des ersten Landesbischofs und ehemaligen Leiter des Landeskirchenamts, Hans Meiser (1881 - 1956), löste ein am Ende abgesagter »Bedenkgottesdienst« mit Landesbischof Johannes Friedrich 2006 Kontroversen um mutmaßlich antisemitisch motivierte Äußerungen Meisers aus. In der Folge benannte der Münchner Stadtrat die Straße in Katharina-von-Bora-Straße um.

Das heute denkmalgeschützte Verwaltungsgebäude mit der Hausnummer 13 errichtete der Architekt Oswald Bieber zusammen mit Karl Stöhr in den Jahren 1928 bis 1929 in Form eines italianisierenden Palazzo. Von Oswald Bieber stammt in München auch die denkmalgeschützte Wohnsiedlung »Borstei«.

Fränkische Bauern protestieren in München

Im Oktober 1934, auf dem Höhepunkt des »Kirchenkampfs«, wurde das Landeskirchenamt Schauplatz eines einzigartigen Protests gegen das NS-Regime, das eine »gleichgeschaltete« nationalsozialistische evangelische Reichskirche anstrebte, aber am Widerstand »intakter« Landeskirchen wie der bayerischen scheiterte.

Als die Reichskirchenregierung im April 1934 rechtswidrig in die Rechtshoheit der württembergischen Landeskirche eingriff, kamen Vertreter der verschiedenen oppositionellen Kräfte zu einem großen Bekenntnisgottesdienst im Ulmer Münster zusammen und proklamierten dort, die rechtmäßige evangelische Kirche Deutschlands zu sein. Das war kirchenrechtlich eigentlich ein unerhörter Schritt. Aber die Bekenntnisgemeinschaft, wie sich die kirchliche Opposition nun nannte, ging noch weiter. Sie lud Vertreter aller Bekenntnisgemeinschaften im ganzen Reich zu einer Bekenntnissynode in Wuppertal-Barmen ein. Diese Synode verabschiedete am 31. Mai nicht nur die berühmte Barmer Theologische Erklärung, sondern bekräftigte auch den in Ulm erhobenen Anspruch, die rechtmäßige Kirche zu sein. Damit war die »Bekennende Kirche« konstituiert.

Als sich im August 1934 die bayerische Landessynode ihrer Eingliederung in die Reichskirche einmütig widersetzte, trieben die Ereignisse ihrem Höhepunkt zu. Die Reichskirchenregierung verfügte am 3. September 1934 die Unterstellung der bayerischen Landeskirche unter die Gesetzgebungsgewalt der Reichskirche und die Bindung des Landesbischofs an die Weisungen des Reichsbischofs. Landesbischof Hans Meiser akzeptierte diese Verfügung nicht. Er erklärte, dass für die Landeskirche nach wie vor die Anordnungen des Landesbischofs und des Landeskirchenrats verbindlich seien. Diese Entscheidung wurde aber weder von einigen der ausschlaggebenden politischen Stellen in Bayern akzeptiert noch von den bayerischen Deutschen Christen, die nun die Stunde gekommen sahen, den Landesbischof zu stürzen.

In vielen »bestellten« Schreiben denunzierten sie zunächst die Kirchenleitung bei der Reichskirchenregierung in Berlin und bei Parteistellen. Während des Reichsparteitages in Nürnberg erfolgte dann der Generalangriff auf Meiser. In der Fränkischen Tageszeitung erschien am 15. September in großer Aufmachung auf der ersten Seite ein Artikel mit der Schlagzeile »Fort mit Landesbischof D. Meiser! Er ist treulos und wortbrüchig - Er handelt volksverräterisch - er bringt die evangelische Kirche in Verruf«. Dass es sich bei diesem Artikel um eine gezielte und offizielle nationalsozialistische Aktion handelte, wurde vollends klar, als der Text zusätzlich in Massenauflage als Flugblatt verteilt wurde und über Nacht in ganz Nürnberg rote Plakate geklebt wurden, die ebenfalls die Aufschrift trugen: »Fort mit Landesbischof D. Meiser!«.

Aber die Verantwortlichen für diese Kampagne hatten die Bekenntnistreue der Gemeinden, deren Loyalität zum Landesbischof und deren Zivilcourage unterschätzt. Im ganzen Land wurden spontan Bekenntnisgottesdienste als Treuekundgebungen für Meiser gehalten, und der Landesbischof fuhr von Stadt zu Stadt, um zu predigen und seine Haltung zu erläutern. Dabei kam es zu außergewöhnlichen und nicht ganz unbedenklichen Huldigungen, wenn Meiser von begeisterten Gemeindegliedern mit erhobener Hand und »Heil Meiser« begrüßt wurde. Landesbischof und Landeskirchenrat blieben, sicherlich gestärkt durch diese Treuebeweise der Gemeinden, in ihrer Haltung konsequent.

Sie wandten sich am 29. September noch einmal in einem »Bekenntniswort an Pfarrer und Gemeinden« öffentlich gegen die geplante Eingliederung, und am 2. Oktober forderten sie den Reichsbischof in einem Offenen Brief auf, sich von den Rechtsverletzungen und Irrlehren der Deutschen Christen zu distanzieren. Der Reichsbischof antwortete natürlich nicht, aber der in der Reichskirchenregierung zuständige Jurist, »Rechtswalter« August Jäger, sandte einen Brief nach München, nach dem es so aussah, als wolle die Reichskirchenregierung auf Gewaltanwendung in Bayern verzichten. Aber auch diese Zusicherung war wieder einmal eine Infamie: Der Brief traf am Morgen des 11. Oktober in München ein, einige Stunden bevor Jäger selbst im Landeskirchenrat in der Arcisstraße erschien und die Absetzung Meisers einleitete.

Aber daraufhin zeigte sich die Unbeirrbarkeit der Kirchenführung in dieser Frage und der Wagemut der bekennenden Gemeinden, für die Freiheit und Unabhängigkeit der Kirche zu kämpfen. Die Reaktion auf Jägers Gewaltakt war in der Geschichte des »Dritten Reiches« einzigartig.

Empfang bei Hitler in Berlin

In München breitete sich die Nachricht von dem Einbruch Jägers in den Landeskirchenrat wie ein Lauffeuer aus. Tausende von Gemeindegliedern versammelten sich spontan in der Matthäuskirche. Meiser konnte auf seiner Rückreise in Augsburg aus dem Zug geholt und per Auto in die Matthäuskirche gebracht werden. Hier forderte er in einem bewegenden Gottesdienst die Gemeinde zur Fürbitte und Hilfe auf, die Gemeinde wiederum bestärkte ihn nach dem Gottesdienst mit Heilrufen und Sprechchören. Nach der Inhaftierung des Landesbischofs verstärkten sich die Protestaktionen in der ganzen Landeskirche und über sie hinaus. Altäre wurden zum Zeichen der Trauer und der Scham schwarz verkleidet und alle Kerzen gelöscht. Kinderabordnungen überbrachten dem Bischof die Grüße ihrer Gemeinden, der Leiter der Nürnberger Männerarbeit organisierte einen Sonderzug, mit dem 800 Nürnberger nach München fuhren.

Da der unter Hausarrest stehende Landesbischof nicht einmal den Sonntagsgottesdienst besuchen durfte, zogen die Protestanten nach den offiziellen Gottesdiensten in die Arcisstraße (die heutige Meiserstraße) und feierten dort im Hof mit dem Landesbischof einen zweiten Gottesdienst. Fränkische Bauern wurden beim Reichsstatthalter und beim bayerischen Ministerpräsidenten vorstellig, machten dort mit ihrer Glaubenstreue, die sie über ihre Treue zum Nationalsozialismus stellten, starken Eindruck und erfuhren zu ihrem Erstaunen, dass diese beiden Instanzen von der Verhaftung Meisers offiziell nichts wussten. Der Reichsstatthalter und der Ministerpräsident, die sich bei dem ganzen Vorgang übergangen fühlten, leiteten nun eine komplizierte diplomatische Aktion ein, die zu einem überraschenden und unerwarteten Ende führte: In seinem Hausarrest erhielt Meiser die telegrafische Einladung, zusammen mit dem hannoverschen und dem württembergischen Landesbischof zu einem Empfang bei Hitler nach Berlin zu kommen.

Damit waren alle für die Gewaltaktion Verantwortlichen desavouiert. Der Reichsbischof ließ seinen »Rechtswalter« fallen und gab dessen Rücktritt bekannt. Aber die Einladung der »unbotmäßigen« Bischöfe zu Hitler war auch ein Schlag für Ludwig Müller selbst, denn jetzt war vor aller Öffentlichkeit deutlich, dass er nicht mehr das Vertrauen des »Führers« besaß und die Absetzung der süddeutschen Landesbischöfe nichtig war.

Auf der anderen Seite konnten allerdings auch Meiser und sein württembergischer Kollege Theophil Wurm keinen eigentlichen »Sieg« für sich verbuchen. Der Empfang bei Hitler verlief im Ganzen enttäuschend, denn Hitler machte aus seiner Verärgerung über die kirchlichen Auseinandersetzungen keinen Hehl und dachte gar nicht daran, die Bekennende Kirche als rechtmäßig anzuerkennen. Immerhin konnten die Bischöfe die Einladung nach Berlin so auffassen, dass sie wieder in ihr Amt eingesetzt waren. Nach ihrer Rückkehr nahmen sie folglich sofort und ungestört ihre Amtsgeschäfte wieder auf und erklärten alle von den »Kommissaren« getroffenen Maßnahmen für ungültig.

Die Protestaktionen und -demonstrationen der bekenntnistreuen Gemeinden im Herbst 1934 kamen einem frommen Volksaufstand gleich, der in der Geschichte des »Dritten Reiches« einzigartig war. Diese Aktionen wie auch das Verhalten der Kirchenleitungen wollten aber bewusst nicht Demonstrationen gegen den Nationalsozialismus sein, sondern Demonstrationen für die Kirche und ihre rechtmäßige Leitung. Sie sind also nicht primär als politischer Widerstand zu werten. Dennoch hatten sie widerständigen Charakter, denn sie verweigerten die von Hitler geforderte Gleichschaltung und zeigten dem totalen Herrschaftsanspruch des NS-Staates zumindest auf kirchenpolitischem Gebiet seine Grenze auf.

Dank des Selbstbehauptungswillens der süddeutschen Kirchenleitungen und bekennenden Gemeinden musste Hitler sich eingestehen, dass sein kirchenpolitisches Konzept, mit Hilfe der Deutschen Christen eine einheitliche evangelische Reichskirche zu schaffen, gescheitert war. Auch die Deutschen Christen hatten den Machtkampf verloren und bildeten fortan keine wirklich ernst zu nehmende Gefahr mehr.

Carsten Nicolaisen

Der Autor, Professor Dr. Carsten Nicolaisen, ist ehemaliger Leiter der Forschungsstelle für Kirchliche Zeitgeschichte an der Uni München. Er lebt in Weilheim in Oberbayern.

Kurzbeschreibung: 
Das Landeskirchenamt in München ist die kirchliche Behörde, die für die Verwaltung der bayerischen Landeskirche zuständig ist. Das heute denkmalgeschützte Verwaltungsgebäude mit der Hausnummer 13 errichtete der Architekt Oswald Bieber zusammen mit Karl Stöhr in den Jahren 1928 bis 1929 in Form eines italianisierenden Palazzo. Im Oktober 1934, auf dem Höhepunkt des »Kirchenkampfs«, wurde das Landeskirchenamt Schauplatz einzigartiger Proteste gegen das NS-Regime. Als Landesbischof Hans Meiser von einem Vertreter der gleichgeschalteten Berliner Reichskirchenregierung inhaftiert wurde, brach eine Art frommer Volksaufstand aus. Tausende »bekenntnistreue« evangelische Christen beteiligten sich an Protestaktionen in der ganzen Landeskirche. Der Leiter der Nürnberger Männerarbeit organisierte einen Sonderzug, mit dem 800 Nürnberger nach München fuhren, fränkische Bauern protestierten bei bayerischen Nazi-Führern. Am Ende musste sich Hitler eingestehen, dass sein kirchenpolitisches Konzept, mit Hilfe der »Deutschen Christen« eine einheitliche evangelische Reichskirche zu schaffen, gescheitert war.
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Bewegte Geschichte: erst Arcis-, dann Meiser- und heute Katharina-von-Bora-Straß
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