Rosenstraße 10 / Rindermarkt (Arsacius Seehofer)

Arsacius Seehofer – ein Münchner in Wittenberg

Ob Arsacius Seehofer im Haus an der Rosenstraße 10 geboren wurde, ist zwar fraglich. Fest steht aber, dass der um das Jahr 1505 in der Nähe des Rindermarkts geborene Münchner Bürgerssohn im Frühjahr 1521 nach Wittenberg ging, um an diesem zur damaligen Zeit überaus spannenden Ort zu studieren.

Martin Luther versteckte sich zu dieser Zeit auf der Wartburg vor seinen Verfolgern und arbeitete an seiner Bibelübersetzung. Der junge Münchner hörte deshalb vor allem die Vorlesungen Philipp Melanchthons - besonders die über den Römerbrief bewegte ihn stark. »Aus Wittenberg oder aus Bethlehem, wo Christus zum zweitenmal ans Licht gekommen ist«, schrieb der zum glühenden Anhänger der neuen Gedanken gewordene Student im Winter 1522 begeisterte Briefe an Freunde im heimatlichen München.

Dass Arsacius Seehofer - nach Hause zurückgekehrt - alle akademischen Pläne für sich verworfen hat und reformatorisch begeistert dafür sorgen will, dass Eltern und Freunde »nicht länger in der Finsternis der Nacht verharren« müssen, wird seinen Eltern kaum gefallen haben. Ob Arsacius mit der einflussreichen Münchner Patrizierfamilie Seehofer verwandt war, der das Haus an der Rosenstraße 10 gehörte, ist zwar nicht sicher. Sein Vater Kaspar Seehofer war jedenfalls ein wohlhabender, angesehener Bürger. Nach den Münchner Ratsprotokollen war er Wirt, von 1517 bis 1530 Mitglied des äußeren Rats und von 1521 einer der drei Hauptleute des Rindermarktviertels (der Rindermarkt befindet sich nur wenige Meter südlich).

Seine Eltern beknien Arsacius, und der geht Ende 1522 tatsächlich nach Ingolstadt, um an der dortigen Hohen Schule doch noch das Magister-Examen abzulegen. (In München gab es damals keine Universität. Die Hohe Schule in Ingolstadt wurde 1472 von Herzog Ludwig dem Reichen von Niederbayern mit päpstlicher Genehmigung als erste bayerische Universität gegründet. Sie wurde 1800 nach Landshut und 1826 nach München verlegt, wo sie als Ludwig-Maximilians-Universität weiterhin besteht).

»Doktor Sau« statuiert ein Exempel

In Ingolstadt kam es zum Eklat. Die Universität verstand sich - unter der Führung des Theologen und Luthergegners Johannes Eck - als altgläubige Universitäts-Bastion gegen die immer mehr um sich greifende reformatorische Bewegung. Eck (eigentlich Johannes Mayer oder Johann Maier, nach seinem Geburtsort Eck [Egg an der Günz] genannt; * 13. November 1486; † 15. Februar 1543 in Ingolstadt) hatte 1520 persönlich in Rom die gegen Luther gerichtete Bulle »Exsurge Domine« erwirkt und als apostolischer Nuntius gleich selbst durchgesetzt. Luther beschimpfte seinen Gegenspieler als »Doktor Sau« und »das Schwein aus Ingolstadt« oder verkürzte dessen Titel »Dr. Eck« zu »Dreck«.

Als Kaiser Karl V. 1521 die Reichsacht über Martin Luther verhängte, schlugen sich die anfangs noch vorsichtig mit der Reformation sympathisierenden bayerischen Herzöge entschieden auf die Seite der Reformationsgegner. Im März 1522 erließen sie ein erstes bayerisches Religionsmandat und verboten unter Androhung harter Strafen, »Luthers Irrungen anzuhangen, dieselben zu disputieren, zu beschützen und verfechten«. Die Ingolstädter Professoren rühmten sich später, sie hätten den scharf antiprotestantischen Kurs veranlasst. Die Politik der Münchner Wittelsbacher war damit jedenfalls für die nächsten 277 Jahre vorgezeichnet..

Am damals 18-jährigen Arsacius Seehofer wurde in Ingolstadt ein Exempel statuiert. Als einer, der in Wittenberg studiert hatte, war der Münchner eh verdächtig. Als er Ende 1522 die Magisterwürde erwerben wollte, musste er auf Veranlassung Johann Ecks versprechen, »daß er sich der luthrischen Leer nit gebrauchen wolle«.

Doch nachdem er zum Magister avanciert war, hielt Seehofer auf der Grundlage seiner eigenen Melanchthon-Mitschriften eine erfolgreiche Vorlesung über die Paulusbriefe. Er wurde denunziert und gezwungen 17 aus seinen Papieren zusammengestellte Sätze öffentlich zu widerrufen. Er tat es unter Tränen. Das angestrebte Ketzerverfahren durch den Bischof von Eichstätt gelang der Ingolstädter Universitätsleitung aber nicht. Seehofer wurde auf Geheiß des Herzogs im Kloster Ettal eingesperrt.

Der Streit um die 17 teilweise entstellt wiedergegebenen oder aus dem Zusammenhang gerissenen Artikel zu Rechtfertigungslehre und das Schriftprinzip ließen den jungen Münchner in das Zentrum einer frühen Publikationsschlacht der Reformationszeit geraten. Vor allem durch das publizistische Eintreten der bayerischen Adeligen Argula von Grumbach wurden der junge Seehofer und die Ingolstädter Vorgänge weithin bekannt.

1492 als Argula von Stauff in eine alte baierische Adelsfamilie hineingeboren, hatte sie als Hoffräulein der Herzogin Kunigunde am Münchner Hof gelebt und dann Friedrich von Grumbach geheiratet. Argula besaß gute Bildung und hervorragende Bibelkenntnisse. Jetzt lebte sie im nahegelegenen Dietfurt, wo ihr Mann Friedrich Pfleger war.

Mit als Flugschriften begeistert nachgedruckten offenen Briefen wandte sie sich an Herzog Wilhelm und an die Universität Ingolstadt, die sie aufforderte sich zur Debatte zu stellen – und zwar auf Deutsch. Der Nürnberger Reformator Osiander schrieb ihr ein anonymes Vorwort.

Auf ihre Herausforderung erhielt Argula aus Ingolstadt nur ein anonymes Spottgedicht zur Antwort, das ihr nahelegte, als Frau lieber den Mund zu halten: »Fraw argel ist ewer nam / Vil erger das ir ane scham / Vnd alle weiplich zucht vergesssen / So freuel seit vnnd so vermessen / Das Ir euer Fürsten vnd herren / Erst woelt einen neuen glauben lernen / Vnd euch daneben vnderstet / Ein gantze Vniversitet / Zuo straffen vnd zu verschumpfieren...«

Schlagfertig schreibt Argula an die Universität zurück und wiederholt ihre Herausforderung, die Gedanken der Reformation aus der Schrift zu verteidigen: »Seyt jr ain redlich Christlich man / Zu Ingolstatt trett auff den plan / Auff eynen tag der euch gefelt / Hab ich geirrt, das selb erzelt. / So ir mir gottes wort berbringt / Volg ich, wie ain gehorsam kyndt...«

Luther schaltet sich ein

1524 schaltete sich auch Martin Luther ein. Er hatte einen Druck mit den Ingolstädter Begründungen für die Verwerfungen erhalten. Wutentbrannt kontert er daraufhin mit der Schrift "Wider das blind und toll Verdammniß der siebenzehn Artikel von der elenden schändlichen Universität zu Ingolstadt ausgangen". »Man hat«, poltert Luther darin, »bisher der Bayern mit den Sauen gespottet. Nun hoffe ich, wird es besser mit ihnen werden. Denn dieser Zettel trüge mich denn, so dünkt mich, alle Säue in Bayerland sind in die berühmte Schule gen Ingolstadt gelaufen, und Doktorn, Magistri und eitel berühmte Universität worden, das hinfort eines besseren Verstands im Bayerland zu hoffen ist. Erlöse und behüte Gott Bayerland vor diesen elenden blinden Sophisten.«

Der Fall wird immer breiter diskutiert. Mit einer Disputation will die Ingolstädter Universität die Richtigkeit ihrer Argumentation öffentlich beweisen. Weil der Bayern-Herzog kein freies Geleit für Luther-Anhänger gewähren will, bleibt die Sache einseitig. Immer öfter werden die Professoren, aber auch Argula, die mit unzähligen Schreiben für ihre Sache kämpft, Gegenstand der Satire. Argulas Familie leidet unter dem Konflikt. Sie selbst wird als Frau wegen ihres Eintretens für die Reformation zwar nicht belangt. Doch ihr Mann verliert sein Amt. Die beiden trennen sich.

Wie lange Arsacius Seehofer im Ettaler Kloster eingesperrt war, ist nicht bekannt. Es wird aber vermutet, dass er sich für einige Zeit in Wittenberg aufgehalten hat. Ab 1530 gibt es Spuren, die darauf hindeuten dass der Münchner länger in Königsberg und in Celle gelebt hat. Argula von Grumbach begegnet 1530 Luther noch persönlich, als sie von seinem Aufenthalt auf der Veste Coburg erfährt und ihn zu besuchen eilt.

Im März 1532 verhandelte Seehofer dann in Augsburg wegen einer Stelle, aber dort wollte man den Lutheraner nicht haben. Melanchthon empfahl ihn daraufhin als Schulmeister nach Eisfeld in Thüringen, wo er vermutlich drei Jahre blieb. Im März 1535 wird er Lehrer der obersten Klasse der Schule an St. Anna in Augsburg, doch wieder blieb Seehofer nicht lange. Aus einem Vermittlungsschreiben zur Bewerbung geht hervor, dass Seehofer verheiratet war – und dass ihn ein unansehnliches Nasenleiden behinderte. Im Mai 1535 wurde Seehofer Predigerstelle in Leonberg bei Stuttgart. Knapp zwei Jahre später wechselte er für seine letzten Lebensjahre auf die Pfarrstelle in Winnenden. Hier veröffentlichte er ein inhaltlich erkennbar von Melanchthon inspiriertes praktisches Predigtlehrbuch, das in mehreren Auflagen gedruckt wurde.

Von seiner Qualifikation, seinen persönlichen Kontakten und seiner Bekanntheit her war der Münchner Bürgersohn Seehofer einer der profilierten Theologen der jungen evangelischen Landeskirche Württembergs. Und es wirkt fast wie eine Adelung, dass Rom und die katholische Sorbonne seinen Namen auf den Index der verbotenen Schriften setzten.

1539 oder 1542 ist der evangelische Münchner Arsacius Seehofer im württembergischen Winnenden gestorben.

 

Quellen:
Theodor Kolde: Arsacius Seehofer und Argula von Grumbach. Beitrage zur bayerischen Kirchengeschichte, Erlangen 1905
http://www.archive.org/stream/beitrgezurbayer06unkngoog/beitrgezurbayer06unkngoog_djvu.txt

http://www.kirchenlexikon.de/s/s2/seehofer.shtml

Kurzbeschreibung: 
Der Münchner Bürgersohn Arsacius Seehofer geht zum Studium nach Wittenberg und gerät anschließend an der Universität Ingolstadt in die Mühlen der Gegenreformation. Die mutige und kluge bayerische Adelige Argula von Grumbach ist 1523 zunächst die einzige, die dem 18-Jährigen zur Seite springt. Arsacius Seehofer wird im Kloster Ettal eingesperrt. Dann schaltet sich der Reformator Martin Luther ein und poltert gegen die »Säue« in Ingolstadt. Eine heftige Publikationsschlacht zwischen Gegnern und Befürwortern der Reformation entbrennt. In seine Heimatstadt wird der Theologe und Lehrer Arsacius Seehofer nie mehr zurückkehren.
Porträtmedaille der Argula von Grumbach aus Blei, Nürnberg, von Hans Schwarz, um
Argula von Grumbach: Wie eyn Christliche fraw des adels..., Druck von 1523
Arsacius Seehofers in Winnenden entstandenes Predigtlehrbuch. Druck von 1544.
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