Allerheiligen-Hofkirche

Sie war die erste katholische Kirche, die nach der Säkularisation nicht nur in München, sondern in ganz Bayern gebaut wurde: die Allerheiligen-Hofkirche in der Münchner Residenz. König Ludwig I. (1786 - 1868) ließ die Kirche nach Plänen des Architekten Leo von Klenze (1784 - 1864) zwischen 1826 und 1837 errichten.Der kunstbegeisterte Thronfolger hatte 1823 Palermo besucht. Nach dem Besuch der Christmette in der arabisch-normannisch-byzantinischen Palastkapelle (Cappella Palatina) soll er tief beeindruckt ausgerufen haben: "Solch eine Schlosskapelle will ich haben!"

Klenze versuchte dem neuen König den Wunsch zu erfüllen: Heinrich von Hess versah Gewölbe und Apsiden mit farbiger Malerei auf Goldgrund. Der Fußboden der Kirche wurde mit farbigem Marmor geziert; die Wände mit Gipsmarmor verkleidet. An der Eingangswand sind davon heute noch Reste zu sehen. Auf roten Marmorsäulen ruhen die Emporen. Ludwig I. konnte sie direkt von der Residenz her betreten, um der Messe beizuwohnen. Die Münchner Bürger betraten die Kirche von außen durch die Ostfassade im romanisch-gotischen Stil.

Dass Ludwig, der gezielt die Rekatholisierung Bayerns betrieb, den ersten katholischen Kirchenneubau seit der Säkularisation "allen Heiligen" weihen ließ, war durchaus programmatisch gemeint.

Nach den schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurden große Teile der Residenz bald rekonstruiert - nicht aber die Allerheiligen-Hofkirche. Der Zustand der Ruine verschlechterte sich derart, dass das Bayerische Finanzministerium ihren Abriss anordnete. Vehemente Proteste verhinderten dieses Vorhaben, statt dessen erhielt der Architekt Hans Döllgast 1972 den Auftrag zur baulichen Konservierung. Er stattete die Ruine mit einem Holzdach aus, um sie - im Sinne seiner anderen Wiederaufbauentwürfe (z.B. Alte Pinakothek) in München - als Denkmal der Kriegszerstörungen zu erhalten. Nach Döllgasts Tod wurden Ende der 1980er Jahre auch mit der
Renovierung der Fassade begonnen. Die noch erhaltene Bausubstanz wurde bewahrt und behutsam geschlossen. Seit 2003 ist die ehemalige Kirche der Öffentlichkeit als moderner Konzert- und Veranstaltungssaal im "Backstein-Look" wieder zugänglich.

Die evangelisch-katholische »Doppelhochzeit«

Ein aus protestantischer Perspektive interessantes Datum ist der 12. Oktober 1842: An diesem Tag heiratete in der Allerheiligen-Hofkirche die preußische Prinzessin Marie Friederike den späteren bayerischen König Maximilian II. Joseph - zum zweiten Mal, aber diesmal in Anwesenheit des Bräutigams.

Die merkwürdige Doppelhochzeit hatte konfessionelle Gründe: Marie Friederike (1825 - 1889) war als Hohenzollernprinzessin evangelisch, der bayerische Thronfolger (1811 - 1864) katholisch. Bereits am 5. Oktober 1842 hatte die 16-Jährige den Wittelsbacher "prokurativ" geheiratet. In dem evangelischen Traugottesdienst im Berliner Schloss vertrat Wilhelm Prinz von Preußen (der 1871 deutscher Kaier werden sollte) den bayerischen Kronprinzen. Als verheiratete Frau nahm die künftige bayerische Königin Abschied von Berlin. Im bis 1806 preußischen Bayreuth fand dann am 9. Oktober die feierliche "Übergabe" der Hohenzollernprinzessin an Bayern statt. Über Amberg, Schwandorf und Landshut ging es nach München - und Tausende Schaulustige säumten die Straßen. In der Residenz angekommen, folgte am 12. Oktober die zweite Hochzeit - diesmal nach katholischem Ritus.

Marie Friederike war die Mutter von Ludwig (1845 - 1886), dem späteren "Märchenkönig" Ludwig II., und von Otto (1848 - 1916), der nach dem Tod seines Bruders König wurde, aber wegen "geistiger Umnachtung" regierungsunfähig war. Nach dem Tod ihres Mannes im März 1864 zog sich die im Volk beliebte Marie Friederike (zeitlebens eine begeisterte Bergsteigerin, die unter anderem den Watzmann und die Zugspitze bestieg), immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück.Das unglückliche Schicksal ihrer beiden Söhne war für Marie Friederike eine schwere Belastung. Otto galt schon seit 1872 offiziell als geisteskrank. Auch ihr erstgeborener Sohn, König Ludwig I., wurde je älter er wurde immer exzentrischer und schließlich im Juni 1886 entmündigt.

Strafe fürs Evangelischsein

Der katholische Hofklerus setzte der unglücklichen Witwe heftig zu: Die Krankheit ihrer Söhne sei "Strafe" für ihr Evangelischsein. Man flüsterte ihr ein, Otto könne wieder gesund werden, wenn sie nur katholisch werde. Schließlich ließ sich Marie Friederike im katholischen Glauben unterrichten. Am 12. Oktober 1874 konvertierte sie. Es war ihr 32. Hochzeitstag und der Namenstag ihres geliebten Mannes. Sie wurde gefirmt und anschließend Mitglied in vielen katholischen Vereinigungen: bei der Rosenkranz-Bruderschaft, dem Gebetsapostolat, der Corpus-Christi-Bruderschaft, dem Ingolstädter-Messbund und dem Kindheit-Jesu-Verein. Sie trug das Skapulier vom Berge Karmel und ließ sich in die Bruderschaft der Sieben Schmerzen Mariä aufnehmen.

Doch Ottos "Schwermut" bleib unheilbar. Schon 1875 sorgte er bei der Fronleichnamsmesse in der Münchner Frauenkirche für einen Skandal, der dafür sorgte, dass man ihn endgültig von der Öffentlichkeit isolierte: Er stürmte in Jagdkleidung in die Kirche und sprengte den Gottesdienst, indem er den zelebrierenden Erzbischof Gregor von Scherr auf Knien um Vergebung seiner Sünden bat.

Am 17. Mai 1889 starb Marie Friederike auf Schloss Hohenschwangau. Ihr Grab befindet sich in einer Seitenkapelle der Theatinerkirche gegenüber ihrem Gemahl König Maximilian II.

Kurzbeschreibung: 
Sie war die erste katholische Kirche, die nach der Säkularisation nicht nur in München, sondern in ganz Bayern gebaut wurde: die Allerheiligen-Hofkirche in der Münchner Residenz. König Ludwig I. ließ die Kirche nach Plänen des Architekten Leo von Klenze zwischen 1826 und 1837 errichten. Der kunstbegeisterte Thronfolger hatte 1823 Palermo und die dortige normannisch-byzantinische Capella Palatina besucht. Nach deren Vorbild wurde die programmatisch "allen Heiligen" geweihte katholische Kirche mit farbiger Malerei auf Goldgrund gestaltet. Kurios: Am 12. Oktober 1842 heiratete in der Allerheiligen-Hofkirche die preußische evangelische Prinzessin Marie Friederike den späteren bayerischen König Maximilian II. - und zwar zum zweiten Mal, aber diesmal in Anwesenheit des Bräutigams.
Allerheiligen-Hofkirche: Blick von Norden auf die Ostfassade.
Das Innere der Allerheiligen-Hofkirche in der ursprünglichen Ausgestaltung.
Das Vorbild steht in Palermo: die arabisch-normannisch-byzantinische Cappella Pa
Moderner Konzert- und Veranstaltungssaal: der heutige Innenraum der Allerheilige
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