Ein Türkentor ohne Türken

Auf dem Museumsareal, direkt neben dem Museum Brandhorst und der Pinakothek der Moderne steht ein merkwürdiger Gebäuderest, den die Münchner »Türkentor« nennen. Das ehemalige Tor einer Armeekaserne erinnert an die ersten Muslime, die in der bayerischen Hauptstadt lebten - oder vielmehr leben mussten: Kurfürst Maximilian II. Emanuel hatte sie als Kriegsgefangene nach Bayern gebracht, nachdem er ab 1683 mit bayerischen Truppen geholfen hatte, Wien vor dem Ansturm der osmanischen Türken zu retten.

Seinen Spitznamen »Der blaue Kurfürst« hatte Max Emanuel ebenfalls aus den Türkenkriegen mitgebracht: Weil er stets eine blaue Uniform trug, nannten die Türken den herausragenden Feldherrn respektvoll »Mavi Kral«, blauer König. Nach der Erstürmung Belgrads 1688 wurde Max Emanuel als Türkenbezwinger in ganz Europa bekannt, der Kaiser ernannte den Bayern zum Generalissimus und Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies.

Zu den großen Projekten des Kurfürsten gehörte ein umfangreiches Kanalsystem, das die Münchner Residenz sowie die Schlösser in Nymphenburg und Schleißheim verbinden sollte. Bei diesen Arbeiten wurden auch die rund 800 muslimischen Kriegsgefangenen zur Zwangsarbeit herangezogen, bevor die Soldaten des Osmanischen Reichs 1699 nach dem Friedensvertrag von Karlowitz (Sremski Karlovci) freigelassen wurden. In München wurden daraufhin Stimmen laut, die befürchteten »dass dadurch das Sesseltragen nit gar in Abgang komme«. Denn auch als Sänftenträger hatten Hof und Bürger die billigen Arbeitskräfte gern herangezogen.

Nur ein kleiner Teil der Kriegsgefangenen blieb freiwillig. Die Voraussetzung war, sich katholisch taufen zu lassen. In der Au, damals noch ein Dorf vor den Toren der Stadt, bauten sie eine eigene kleine Siedlung. Noch heute sollen einige alteingesessene Münchner Familien wissen, dass unter ihren Vorfahren ehemalige osmanische Soldaten waren.

Die Straßen der Maxvorstadt, in der sich auch das »Türkentor« befindet, wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts angelegt. Auffällig quer zu diesem relativ regelmäßigen rechteckigen Raster verlaufen ab dem nördlichen Ende der Türkenstraße (Höhe Blütenstraße) die Nordend- und später auch die Kurfürstenstraße. Sie münden am Kurfürstenplatz in die Belgradstraße. Die Straßen zeigen den Verlauf des Kanals von der Residenz nach Schloss Nymphenburg an.

Dieser Kanal wurde zwar erst in den Jahren 1701 bis 1703 gegraben, weswegen an seinem Bau keine türkischen Kriegsgefangenen mehr beteiligt waren. Trotzdem wurde er im Volksmund als »Türkengraben« bekannt. Auch die Straßennamen erinnern an den »Blauen Kurfürsten« und seine Siege über die Türken. Den Kanal, der niemals fertig wurde, ließ König Max I. Joseph schon 1811 wieder zuschütten. Ein Jahr später erhielt die ganz in der Nähe neu angelegten Türkenstraße ihren Namen.

Ab 1823 ließ Bayerns erster König dann im Zuge der Umbaupläne für die Maxvorstadt und der Planungen für den Königsplatz auf dem heutigen Areal der Pinakothek der Moderne (durch Barerstraße, Theresienstraße, Türkenstraße und Gabelsbergerstraße umfasst) eine Infanteriekaserne des bayerischen Leibregiments errichten. Wegen ihrer Lage machte sie der Volksmund bald zur »Türkenkaserne«.

Der einzige Rest der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kaserne ist der östliche Torbau, das denkmalgeschützte sogenannte »Türkentor«. Künftig wird es als ständiger Ausstellungsraum in das Museumsareal integriert. Die Fertigstellung und die feierliche Eröffnung einer großen Rauminstallation des US-amerikanischen Künstlers Walter De Maria (*1935) sind für Juli 2010 geplant.

 

Kurzbeschreibung: 
Ein »Türkentor« ohne Türken, die »Türkenstraße« und die an ihr gelegene »Türkenschule« erinnern an die ersten Muslime, die in München lebten: osmanische Kriegsgefangene. Und quer zum üblichen Raster verlaufende Straßen erinnern an die Zwangsarbeit, die sie bei Kanalbauarbeiten in der bayerischen Hauptstadt leisten mussten.
Das »Türkentor« - einziger Rest der Türkenkaserne - erinnert mit seinem Namen an
Die Türkenkaserne um 1840.
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  • 48.146918°, 11.573485°
Adresse
Strasse: 
Türkenstraße 22
PLZ: 
80333
Ort: 
München