Marienhof (Judengasse)

Schon bald nach der Stadtgründung (1158) gab es in München auch jüdisches Leben. Eine Urkunde aus Regensburg erwähnt im Jahr 1229 einen »Abraham de Municha«: Von diesem »Abraham aus München« ist sonst nichts weiter bekannt, doch er ist der erste namentlich bekannte Jude Münchens.

Die erste jüdische Gemeinde der jungen bayerischen Stadt wurde vermutlich von Juden aus der alten Römerstadt Regensburg (Ratisbona) gegründet, in der es seit Jahrhunderten (sicher schon um das Jahr 1000) eine vitale jüdische Gemeinde gab. Noch lange mussten die Münchner Juden ihre Toten auf dem jüdischen Friedhof in Regensburg beerdigen. Dabei hatten sie die Leichname an zahlreichen Mautstellen zu verzollen. Erst 1416 wurde ein erster jüdischer Friedhof in der Nähe Münchens angelegt: Weit vor den Toren der Stadt lag er vermutlich in der Nähe des heutigen Münchner Gesundheitsamts am Maßmannbergl (Dachauerstraße / Sandstraße / Maßmannstraße).

Ab 1380 brauchten Münchens Juden erstmals ihre Gottesdienste nicht mehr in Privaträumen abzuhalten: Die erste Münchner Synagoge wurde in einer Gasse errichtet, die nach ihren Bewohnern »Judengasse« genannt wurde. Sie verlief in der Verlängerung der noch heute bestehenden Albertgasse zwischen Wein- und Dienerstraße über den heutigen Marienhof. Die Mikwe, das jüdische Ritualbad, lag vermutlich an einem Stadtbach an der heutigen Landschaftsstraße.

Bis zu einem verheerenden alliierten Bombenangriff am 18. Dezember 1944 standen auf der heutigen Freifläche zwischen Landschafts- und Schrammerstraße mittelalterliche Häuser. Aber schon lange vor der Zeit des Nationalsozialismus erinnerte hier nichts mehr an Münchens früheste jüdische Gemeinde. »Die ersten historischen Nachrichten, die wir von dem Daseyn der Juden in Baiern haben, sind zugleich die ersten Nachrichten von ihrer Mißhandlung», musste Johann Christoph Freiherr von Aretin (1772 - 1824) in seiner 1803 erschienenen »Geschichte der Juden in Baiern« konstatieren.

»Ritualmord«, »Brunnenvergiftung«, »Hostienschändung«

Bayern-Herzog Albrecht III. (Beiname: »der Fromme«, bekannt auch durch seine Geliebte Agnes Bernauer) verwies 1442 alle Juden seines Landes. Bayern blieb danach rund 300 Jahre, was die Nationalsozialisten später »judenrein« nennen sollten. In den gut 200 Jahren zuvor war Münchens erste jüdische Gemeinde bereits mehrfach Opfer von Verfolgung und Pogromen geworden.

Drei Münchner Judenverfolgungen bieten einen Überblick darüber, wie die christliche Mehrheit im Mittelalter ihre Gewaltausbrüche gegenüber der jüdischen Minderheit üblicherweise begründete: »Ritualmord«, »Brunnenvergiftung«, »Hostienschändung«. Neben Angst und Wahn spielten wirtschaftliche Gründe eine große Rolle: Von anderen Berufen ausgeschlossen und dem christlichen Zinsverbot nicht unterworfen, waren Juden im mittelalterlichen Europa zeitweilig die einzigen, die gewerbsmäßig Geld verleihen durften. Durch einen Pogrom konnte man »elegant« seine Schulden beseitigen oder sich den Besitz der Vertriebenen aneignen.

Im Oktober 1285 - wenige Jahrzehnte nach der urkundlichen Erwähnung des »Abraham de Municha« - starben in München 67 Männer, Frauen und Kinder. Es waren Münchens Juden, die man zusammengetrieben und in ein Haus gesperrt hatte. Dann wurde, so die Überlieferung, Feuer gelegt. Die christliche Mehrheitsbevölkerung warf ihren jüdischen Nachbarn einen »Ritualmord« vor: Die Juden hätten einen christlichen Buben entführt, geschächtet und sein Blut für rituelle Zwecke verwendet. Nun nahm man selbst blutige Rache. Ein zeitgenössisches jüdisches Memorbuch aus Nürnberg hat die Namen der Opfer und den Tag ihres Todes festgehalten: Es war der 12. Cheschwan 5046 (19. Oktober 1285).

Trotzdem kamen bald wieder Juden nach München. Als 1349 die Pest in München wütete, gab man ihnen die Schuld: Sie hätten die »Brunnen vergiftet« und so das Sterben ausgelöst. Herzog Ludwig V. gelang es zwar nicht, die Vertreibung zu verhindern, er holte die Juden aber in die Stadt zurück und erließ ihnen für zwei Jahre die Judensteuer, um sie zu entschädigen.

1413 folgte der nächste Pogrom. Anlass war diesmal eine angebliche »Hostienschändung«. Die Juden, hieß es, hätten eine »gottlose« christliche Frau bestochen, in der Frauenkirche eine geweihte Hostie zu stehlen. Die Hostie, so der Plan, hätten sie dann mit einem Dolch erst foltern und dann durchbohren wollen. Auf diese Weise würden die Juden nämlich rituell ihren Mord an Jesus Christus immer wieder wiederholen, hieß es. Man habe die Frau aber beim Diebstahl beobachtet und verfolgt. Am Schwabinger Tor (heute Odeonsplatz) habe sie deshalb in Panik die Hostie fallen lassen. Man errichtete umgehend eine Kapelle genau an dieser Stelle, um den Frevel wieder gutzumachen. (Später wurde die Kapelle durch die Salvatorkirche ersetzt.)

An den »Hostienfrevel vor dem Schwabinger Tor« erinnerte in der Münchner Frauenkirche lange ein 1624 in der Werkstatt von Peter Candid entstandenes Gemälde. In drei Szenen stellt das künstlerisch hochwertig ausgeführte Bild die Geschichte von rechts nach links dar. Auf der Bestechungsszene ganz rechts tragen die Juden eine Kennzeichnung ihrer Kleidung mit einem roten, bzw. gelben Ring. Für die Ausstellung »Stadt ohne Juden« im Jüdischen Museum München wurde das Bild 2008 erstmals seit Jahrzehnten aus dem Depot des Freisinger Diözesanmuseums geholt.

Von der Synagoge zur »Pietà von Salmdorf«

Nach der vorerst endgültigen Vertreibung der Juden aus Bayern 1442 schenkte Herzog Albrecht III. die Synagoge seinem Leibarzt Hans Hartlieb - einem gelehrten und angesehenen Mann, der in Italien Arzneikunde und Alchemie studiert hatte. Hartlieb ließ im Keller eine Marienkapelle einrichten und baute die Synagoge zum Wohnhaus um. Aus der Judengasse wurde die »Schreibergasse«.

Die »Gruftkirche«, also die ehemalige Synagoge, und das Vesperbild der heiligen Jungfrau Maria, das man in ihr aufstellte, zogen die Münchner offenbar stark an. Wegen des großen Zulaufs ließ Hartlieb deshalb 1450 auch das Gebäude über der Gruftkapelle zur Marienkirche umbauen. Zur Unterscheidung von Münchens erster Frauenkirche nannte man sie »Zu unserer lieben Frauen Neustift«, kurz »Neustift«. Um die »Kruft« und die wundertätige gotische Pietà in ihr rankten sich in München noch lange Sagen und Legenden. Aus der Schreibergasse wurde die Gruftstraße.

Die Kirche stand bis zur Säkularisation. 1805 wurde sie in Privatbesitz überführt, abgetragen und zum Wohnhaus umgebaut. Der Bäcker Wanney verkaufte das Haus 1865 an den Staat. 1866 wurde es für einen Neubau abgerissen. Dabei fand man auch ein paar alte geschwärzte Mauern, die, wie die Münchner Stadtchronik vermutete »offenbar noch vom Synagogenbrande herrührten«. Heute fehlt auf dem Marienhof leider jede Erinnerung an diese Urstätte jüdischen Lebens in München.

Das Vesperbild, das einst in der Synagogen-Gruftkirche stand, gelangte auf Umwegen übrigens nach Salmdorf bei Riem, wo man die gotische Pietà aus dem 14. Jahrhundert bis heute bewundern kann.

 

Quellen:
Stefan Jakob Wimmer: Münchner Abrahams-Geschichten, 2008
Josef Maria Mayer: Münchner Stadtbuch. Geschichtliche Bilder aus dem alten München, 1868 (III. – Die große Judenverfolgung in München im Jahre 1285)
http://www.stadt-muenchen.net/literatur/stadtbuch/stadtbuch_003.php

 

Kurzbeschreibung: 
Bald nach der Gründung Münchens im Jahr 1158 gab es auch jüdisches Leben in der Stadt. Über den heutigen Marienhof verlief einst die Judengasse, an der die 1380 errichtete erste Münchner Synagoge stand. »Ritualmord«, »Brunnenvergiftung«, »Hostienschändung«: In ihren ersten zweihundert Jahren erlebte die jüdische Gemeinde Münchens blutige Pogrome unter sämtlichen Vorwänden, die im Mittelalter die Judenverfolgung begründeten. 1442 ließ Herzog Albrecht III. - genannt »der Fromme« - die Juden endgültig aus Bayern ausweisen. Über 300 Jahre lang blieb das Land was die Nationalsozialisten später »judenrein« nannten. Aus Münchens erster Synagoge wurde eine Marienkirche, die die Münchner »Gruftkirche« nannten. Und aus der Judengasse wurde die Gruftstraße. Übriggeblieben ist aus der Zeit der ersten Synagoge nur eine gotische Pietà, die einst in der Gruftkirche stand.
Pietà von Salmdorf bei Riem, 14. Jahrhundert
Eingangshalle der Regensburger Synagoge, 1519, Radierung von Albrecht Altdorfer
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