Hofbräukeller

Der Hofbräukeller in Haidhausen

Die Bierstadt München und ihre Biergartenkultur gehören zusammen. Bevor man Mitte des 20. Jahrhunderts Bier in großem Maßstab technisch kühlen konnte, waren Brauereien und Bierlokale auf »natürlich kühle« Lagerung angewiesen. Dazu dienten auch in München große Bierkeller – meist angeschlossenem Ausschank im Biergarten. Die Gegend um den Gasteig in Haidhausen mit ihrem steilen Isarufer, in der 1892 der Hofbräukeller an der Stelle älterer Keller erbaut wurde, war damals das Zentrum der Münchner Brauereien und Bierkeller. Als die Brauerei des Hofbräuhauses am Platzl nicht mehr ausreichte, wurde der Braubetrieb nach Haidhausen ausgelagert; von 1896 bis 1988 befand sich die Produktionsstätte der Brauerei Hofbräu hier an der Inneren Wiener Straße.

Nach der Zerschlagung der Münchner Räterepublik ereignete sich hier am 5. Mai 1919 ein Massaker, in das auch der Perlacher evangelische Pfarrer Robert Hell verstrickt war.

Pfarrer Robert Hell und zwölf erschossene Arbeiter

Revolutionszeit, März 1919. Vor wenigen Tagen ist Kurt Eisner, der erste Ministerpräsident des Freistaats Bayern, ermordet worden. Ein Protokoll des evangelischen Kirchenvorstands der St. Pauluskirche in Perlach notiert: [Im neuen Staat] hat die Kirche alle Kräfte einzusetzen, um sich zu behaupten; auch die Zukunft unserer Schulen steht in Frage. (...) In anerkennenden Worten gedenkt der Vorsitzende der Verdienste des bay. Königshauses um die evangelische Kirche in Bayern.«

Der Vorsitzende ist der Perlacher ervangelische Pfarrer Robert Hell. Hell trauert der Monarchie nach und empfindet wie viele Protestanten die Revolution als Katastrophe. Als im April die Münchner Räterepublik ausgerufen wird, flieht die sozialdemokratische Landesregierung von Ministerpräsident Hoffmann nach Bamberg. Der 23-jährige Schwabinger Arbeiter und Marineinfanterist Rudolf Egelhofer wird Stadtkommandant von München und Oberkommandierender einer eilig aufgestellten bayerischen Roten Armee aus rund 10.000 Freiwilligen. Die Hoffmann-Regierung fordert bei Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) Verstärkung an zur Niederschlagung der Räterepublik an. Bis Ende April schließen 60.000 Freikorpsmänner unter General von Oven einen Belagerungsring um München. Unter ihnen sind spätere Naziführer wie Ernst Röhm, Heinrich Himmler oder Rudolf Heß. Die Soldaten der Brigade Erhardt tragen damals schon das Hakenkreuz am Helm.

In München breitet sich Panik aus. Nachrichten über Massaker der Freikorps im Umland grassieren. Ein Rotarmist lässt am 30. April im Luitpold-Gymnasium zehn Geiseln erschießen. Acht von ihnen gehören der rechtsradikalen und antisemitischen Thulegesellschaft an (einer Vorläuferorganisation der Hitler-Partei), zwei sind Freikorps-Kämpfer. Unter den Gefangenen war ursprünglich auch der dritte Pfarrer von St. Matthäus, der spätere Landesbischof Hans Meiser. Er hatte Glück und kam frei.

Am gleichen Tag kommt es auch in Perlach zu einem Feuergefecht zwischen Rotarmisten und einem Freikorps. Am 1. Mai rückt darauf das berüchtigte Freikorps Lützow in Perlach ein, ohne auf Widerstand zu stoßen. Bei den Berliner Märzkämpfen 1919, bei denen durch Freikorpsverbände mindestens 1200 Menschen getötet wurden, war das Freikorps Lützow erstmals im Einsatz. Seine Namensgleichheit mit dem Lützowschen Freikorps aus den Befreiungskriegen 1813/14 war zufällig.

Pfarrer Hell, der als Feldgeistlicher im Krieg gewesen war, gewährte von Lützow und seinen Offizieren Quartier im protestantischen Pfarrhaus der St. Paulusgemeinde. Dann rückte das Freikorps nach München vor. Hells Version von dem, was dann passierte, lautete: »In Perlach selbst wurden nach dem Wegzug der Regierungstruppen von Anhängern der Roten Armee gegen die Leute, welche ‚die Preußen’ im Quartier gehabt, Drohungen ausgestoßen …« (Evangelisches Gemeindeblatt für die Kirchsprengel Perlach, Feldkirchen, Fürstenfeldbruck, Kemmoden und Oberallershausen, Mai/Juni 1919)

Die weiteren Ereignisse beschäftigte Presse und Gerichte noch Jahre später. Die sozialdemokratische »Münchner Post« schilderte die Fakten am 7. Juli 1924 so: »In der Zeit zwischen dem 1. Mai und 5. Mai 1919 nahm das Freikorps Lützow an den Kämpfen in München teil. Am 4. Mai, so berichtet Major Schulz, wurde er zum Korpskommandeur von Lützow gerufen. Dieser teilte mit, es sei ein telefonischer Hilferuf des Pfarrers Hell eingegangen … Major Schulz erhielt den Befehl, Hilfe zu stellen. Er beauftragte mit der Hilfeleistung den Leutnant Pölzing … Pölzing rückte mit einem Zug von 40 Mann in zwei Lastwagen aus. Er bekam in Perlach eine Liste von Leuten, die als die Gefährlichen bezeichnet wurden … Daß Pfarrer Hell von den [später] Ermordeten … wirklich bedroht gewesen wäre, ist niemals erhoben worden …«

13 Männer aus Perlach wurden am 4. Mai 1919 verhaftet und im Münchner Hofbräukeller am Wiener Platz eingesperrt. Der 19-jährige Konrad Zeller wurde gegen Morgen nach Verhören freigelassen. Er sagte im September 1920 als Zeuge aus: »Gleich nach unserer Ankunft im Hofbräukeller mussten wir in Reihe antreten. Jemand, wer weiß ich nicht, gab den Befehl: ‚Ludwig raus’. Ludwig wurde von zwei Soldaten hinter das Auto geführt. Gleich darauf krachte es zwei oder drei Mal. Ich glaube, dass Ludwig sofort erschossen worden ist.« Gegen Mittag am 5. Mai wurden die übrigen elf Perlacher Arbeiter von Erschießungskommandos füsiliert.

Über die Toten berichtete die der USPD nahestehende »Neue Zeitung« vom 9. September 1919, das neben dem Arbeiterratvorsitzenden Josef Ludwig zehn der Erschossenen Mitglieder der Unabhängigen Sozialdemokraten gewesen seien. In der Woche vor dem 1. Mai hätten sie in Perlach eine Zahlstelle (Ortsverein) der USPD gegründet.

In den Arbeitervierteln Giesing, Sendling und rund um den Schlachthof wüteten die Freikorps besonders grausam. Es galt das Standrecht. Ohne jede gesetzliche Grundlage und ohne Aktenführung tagten in Wirtshäusern wilde Freigerichte, in denen ein Leutnant oder Unteroffizier zum Richter über Leben und Tod wurde. Die Todesstrafe wurde unmittelbar nach ihrer Verhängung vollstreckt. So erschossen Freikorpsmänner am 2. Mai Rudolf Egelhofer. Der Philosoph und Rätepolitiker Gustav Landauer wurde im Gefängnis Stadelheim von einem Offizier mit der Reitpeitsche halb totgeschlagen und anschließend erschossen. Ein Wachtmeister trampelte noch auf den Sterbenden herum. »Hier wird aus Spartakistenblut Blut- und Leberwurst gemacht«, hieß eine Parole auf der Gefängnismauer.

Erst nachdem am 6. Mai aus Regierungstruppen gebildete Freikorps 21 Mitglieder des katholischen Gesellenvereins St. Joseph in einem Keller am Karolinenplatz als vermeintliche »Spartakisten« abschlachteten, hob die Regierung das Standrecht wieder auf. Während die Regierungstruppen 38 Gefallene meldeten, waren weit über 1000 Arbeiter dem Wüten der Freikorps zum Opfer gefallen, darunter auch 52 russische Kriegsgefangene, die in einer Kiesgrube bei Gräfelfing erschossen wurden.

Heute erinnert am Hofbräukeller in Haidhausen eine Gedenktafel an die Namen der Perlacher Opfer: Neben dem erwähnten Josef Ludwig waren die Ermordeten die Hilfsarbeiter Artur Koch, Johann Keil, Sebastian Hufnagel und Albert Dengler, sowie der Schweizer Arbeiter Albert Krebs, der Schreiner Georg Jakob, der Maurer (und Arbeiterrat) Josef Jakob, der Eisenbahnarbeiter Georg Eichner, der Arbeiter Konrad Zeller, der Korbmacher August Stöber und der Former Johann Fichtl. Insgesamt wurden zehn Frauen zu Witwen, die für 46 Kinder sorgen mussten.

1926 kam es zum Prozess um die Ermordung der Perlacher Arbeiter. Es gab nachweisliche Falschaussagen, verschwundene Aussagen und verlorene Akten. Der Freispruch für die ausführenden Freikorps-Soldaten erregte in ganz Deutschland Aufsehen. Der »Völkische Beobachter« feierte das Urteil am 21. Januar 1926: »Vor dem Justizpalast hatte sich eine immer größer werdende Menschenmenge angesammelt, die beim Bekanntwerden des freisprechenden Urteils in Hochrufe ausbrach.«

Die Diskussionen um die Rolle des evangelischen Pfarrers, ohne den es nach Überzeugung vieler zu den Exekutionen nicht gekommen wäre, gingen weiter. Hell strengte gegen mehrere Münchner Sozialdemokraten Beleidigungsklagen an, die mit Geldstrafen für die Beklagten endete.
In der »Münchner Post« vom 21. Juni 1927 hieß es: Die Hauptverhandlung verlief für ihn [Hell], wie man sich denken kann, nicht gerade angenehm. Am schmerzlichsten wird für ihn wohl die Aussage des katholischen Geistlichen von Perlach gewesen sein, der als Zeuge mit Nachdruck bekundete:
‚Hätte ich eine Ahnung davon gehabt, dass die Männer von Perlach den Kopf in der Schlinge haben, so hätte ich alles, was in meiner Macht stand, getan, um sie zu retten, damit nicht Unschuldige getötet werden.’«

 

Hofbräukeller
Innere Wiener Straße 19
81667 München
Tel: (089) 4599250
Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag: 10-24 Uhr
http://www.hofbraeukeller.de/

 

Quellen:
http://www.datenmatrix.de/projekte/hdbg/revolution/content/revolution.php/gemeinde/detail/ags/99000021
Nick Brauns: »Tote auf Urlaub«.
Artikel in der »Jungen Welt« v. 17.4.2004
http://www.raeterepublik.de/tote_auf_Urlaub.htm
http://www.neuperlach.info/kulturpfad/hofbraeu/hofbraeukeller.htm

 

Kurzbeschreibung: 
Die Bierstadt München und ihre Biergartenkultur gehören zusammen. Am Isarhochufer rund um den Gasteig, wo früher das Bier in Kellern kühl gehalten wurde, wurde es im Biergarten auch ausgeschenkt. Als im Mai 1919 »weißer Terror« dem Spuk der Räterepublik ein gewaltsames Ende bereitete, war der 1892 errichtete Hofbräukeller Schauplatz eines Massakers. In die Ermordung der zwölf Perlacher Arbeiter, an die eine Tafel am Eingang zum Biergarten erinnert, war auch der evangelische Pfarrer des Münchner Vororts, Robert Hell, verstrickt.
Hofbräukeller am Wiener Platz (Blick nach Südosten)
Die Gedenktafel für die zwölf am 5. Mai 1919 ermordeten Perlacher Arbeiter am Ei
Zeitgenössische Karikatur: »Los! Schießen Sie! (...) Das sind die Schweine, die
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