St. Pauluskirche Perlach

Die St. Pauluskirche in Perlach ist heute die älteste evangelische Kirche in München. Sie wurde 1849 nach Plänen des Architekten Georg Friedrich Ziebland (1800 - 1873) errichtet, von dem auch das Gebäude der Antikensammlungen auf der Südseite des Königsplatzes, sowie (daran anschließend) die Abteikirche St. Bonifaz stammen.

Den Titel der »ältesten evangelischen Kirche Münchens« verdankt die St. Pauluskirche den Nationalsozialisten. Auf Drängen Hitlers hatte NSDAP-Gauleiter Adolf Wagner Mitte Juni 1938 die bisherige protestantische Münchner Hauptkirche, die 1833 eingeweihte erste Matthäuskirche auf der Sonnenstraße abbrechen lassen – angeblich aus stadtplanerischen Gründen. Die Sache geschah kurzfristig, nur wenige Tage nach dem Abbruch der Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße, und war vermutlich auch eine Abrechnung der Nationalsozialisten mit der evangelischen Kirche. Deren Landesbischof Meiser hatte sich im Kirchenkampf 1934 erfolgreich der Gleichschaltung widersetzt und Hitler damit eine innenpolitische Niederlage zugefügt.

Die Perlacher Pauluskirche ist die Mutterpfarrei aller evangelischen Gemeinden im Oberland. Ihre Geschichte reicht zurück bis in die erneuten Anfänge protestantischen Lebens in Oberbayern. Mit einer entschiedenen Toleranzpolitik schuf Kurfürst Max IV. Joseph, der mit der Protestantin Karoline Friederike von Baden verheiratet war, ab 1799 die Voraussetzung für den Zuzug von Evangelischen in das katholische Altbayern. Schon bald nach seiner Regierungsübernahme hob Maximilian den Ausschluss aller Protestanten von öffentlichen Ämtern auf, billigte ihnen das Recht der freien Niederlassung und zum Erwerb von Liegenschaften zu. Diese Politik mündete in einer Reihe von Toleranz- und Religionsedikten. 1803 war die Gleichheit der drei Bekenntnisse – Katholizismus, lutherische und reformierte Konfession – und offiziell hergestellt. Später folgte auch die rechtliche Gleichstellung der Juden.

Nicht nur in die neuen Kolonien Großkarolinenfeld (benannt nach der evangelischen Prinzessin) im Kolbermoor bei Rosenheim oder im Donaumoos bei Neuburg ziehen Siedler aus der linksrheinischen Pfalz, sie kommen auch nach Perlach. Die ersten der »Überrheiner« sind auf der Flucht vor den Franzosen. Und die Pfälzer sind überwiegend Protestanten. Auch als die linksrheinische Pfalz 1816 zu Bayern kommt, reißt der Siedlerstrom aus dem »Rheinkreis« in den oberbayerischen »Isarkreis« nicht ab. (Nach dem Vorbild der französischen Departements waren auch im Königreich Bayern die Regierungsbezirke nach Flüssen benannt.)

Nicht weniger als 120 evangelische Siedler kommen allein im Jahr 1824. Das bringt Unruhe ins Dorf, denn die Pfälzer sind nicht nur tüchtige Landwirte. Die Protestanten weigern sich auch, dem katholischen Pfarrer von Perlach althergebrachte Abgaben zu leisten. Noch 1870 streitet der Perlacher katholische Pfarrer und königliche geistliche Rat Martin Pfanzelt (1825 - 1912) um »Kirchtrachten« und »Brotreichnisse«. Seine Pfarrkinder haben sich da schon längst mit den Neubürgern vielfach versippt und verschwägert.

Sammlungen in der protestantischen Gemeinde finanzierten zunächst den Ankauf eines Hauses an der Sebastian-Bauer-Straße (Nr. 22), wo die Kinder von 1839 bis zum Bau eines richtigen Schulgebäudes 1887 an gleicher Stelle unterrichtet wurden. 1846 genehmigte man in München den Bau einer eigenen Kirche, Georg Friedrich Ziebland wurde für die Ausführung gewonnen, während es 1848/49 auch in Bayern zu revolutionären Unruhen kam und König Ludwig I. wegen seines anstößigen Verhältnisses zu der schönen Tänzerin Lola Montez abdanken musste.

Auch für ihr Pfarrhaus (Sebastian-Bauer-Straße 23) konnten Perlachs Evangelische 1903 einen prominenten Baumeister gewinnen: Theodor Fischer (1862 - 1938). Seit 1912 ist die Paulusgemeinde offiziell eigenständig. Mit der Eingemeindung des Dorfs Perlach 1930 nach München ist seit 1938 – und den eingangs erwähnten Ereignissen – im Besitz der ältesten evangelischen Kirche in München.

Im Frühjahr 1919 spielten das evangelische Pfarrhaus und der Perlacher evangelische Pfarrer Robert Hell eine unrühmliche Rolle im Zusammenhang mit einem Massaker an zwölf kommunistischen Arbeitern.

 

St. Paulus
Evang.-Luth. Pfarramt‎
Sebastian-Bauer-Straße 23
81737 München
Tel. (089) 670 1164
Bürostunden: Di. - Fr. 8.30-12.00 Uhr
http://www.evangelische-paulusgemeinde-perlach.de

 

Kurzbeschreibung: 
Die St. Pauluskirche in Perlach wurde 1848/49 nach Plänen des Architekten Georg Friedrich Ziebland erbaut. Dass sie sich heute mit dem Titel der »ältesten evangelischen Kirche Münchens« schmücken kann, verdankt die Mutterkirche aller oberbayerischen evangelischen Gemeinden der politisch motivierten »Stadtplanung« der Nationalsozialisten: Die ließen 1938 die 1833 eingeweihte erste Matthäuskirche auf der Sonnenstraße abbrechen. Das Perlacher Pfarrhaus stammt von dem bekannten Jugendstilarchitekten Theodor Fischer. Im Frühjahr 1919 verstrickte sich hier der Perlacher Pfarrer Robert Hell in ein Massaker an zwölf revolutionären Arbeitern.
Das schlichte Innere der St. Pauluskirche.
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