Der Heilige Onuphrius (Marienplatz 17)

Den Job als Münchner Stadtpatron teilt er sich mit dem viel prominenteren Heiligen Benno von Meißen (ca. 1010 - 1106). Doch eigentlich hat der heute ziemlich in Vergessenheit geratene Sankt Onuphrius die älteren Rechte in der bayerischen Landeshauptstadt.

Schutzpatron »der von sexuellen Übergriffen Bedrohten«

Erfährt man, für wen und was der Heilige als Patron zuständig ist, scheinen sich manche Dinge plötzlich zu erhellen. Zum Beispiel, dass ausgerechnet im Vorfeld des Münchner Ökumenischen Kirchentags 2010 Gewalt und sexueller Missbrauch durch Kirchenmänner die Schlagzeilen bestimmten. Onuphrios ist nämlich nicht nur für die Weber, sondern auch für die Prostituierten, die Hermaphroditen und die von sexuellen Übergriffen Bedrohten zuständig.

Jeden Tag gehen Tausende Einheimische und Touristen zwischen Marienplatz und Tal an dem unbekannten Heiligen vorbei, ohne »Sanct Onuphrius« zu beachten. Ein gewaltiges Mosaik ziert das Haus am Marienplatz Nr. 17. Es zeigt einen bärtigen und mit Blättern geschürzten Riesen, der eine Krone trägt und ein Doppelkreuz hält.

Herzog Heinrich der Löwe (1129 - 1195), der legendäre Gründer der Stadt München, soll von einem Kreuzzug die Hirnschale des Onuphrius als Reliquie mitgebracht haben. Heinrich machte ihn zu seinem persönlichen Schutzheiligen. Später wurde die Hirnschale in der 1324 von Kaiser Ludwig dem Bayern erbauten St. Lorenz-Kapelle im Alten Hof aufbewahrt. Als die Lorenzkirche 1816 abgerissen wurde, verliert sich die Spur der Onuphrius-Reliquie.

Seither ist Münchens exotischer Patron etwas in Vergessenheit geraten. Sein merkwürdiger Name kommt aus dem Ägyptischen. Bereits zur Zeit der Pharaonen in Gebrauch, war »Un-nofer« (oder auch »wnn-nfr«, »das vollkommene Sein«) einst eine Bezeichnung für den auferstandenen Osiris.

Der Münchner Onuphrius heißt meistens »Onophrios der Große« und soll ein äthiopischer Fürstensohn des 4. Jahrhunderts gewesen sein. Im Kloster Hermopolis erzogen, verzichtete er auf die Thronfolge und sein Erbe, um als Einsiedler in die Wüste zu gehen. Bischof Paphnutius von Ägypten habe ihn dort, so die Legende, nach Jahrzehnten entdeckt und nach Onuphrius’ Tod dessen Biografie verfasst. Etwa seit dem 7. Jahrhundert wurde Onuphrius in der koptischen Kirche als Heiliger verehrt. Mit den Kreuzzügen kam die Onuphrius-Verehrung dann auch nach Europa. Unbekleidet und dicht behaart, mit einem Blätterschurz um die Lenden wird er üblicherweise dargestellt, oft auch mit Krone, Kelch oder Hostie.

In München hat sich seit dem Mittelalter stets ein großes Onuphrius-Bild am Haus mit der heutigen Adresse Marienplatz Nr. 17 befunden. Erstmals angebracht wurde es der Legende zufolge als frommes Gelübde eines Münchner Bürgers: Nachdem seine Frau gestorben war, erfüllte sich Heinrich Primat 1493 einen Lebenstraum. Er zog mit Herzog Christoph von Bayern-München (1449 - 1493) auf Pilgerfahrt ins Heilige Land. Den Herzog nannte man »den Starken«, weil er in 3,50 Meter Höhe eingeschlagene Nägel angeblich beim Sprung mit seinem Fuß erreichte. Die Nägel kann man in der Residenz noch besichtigen, doch der starke Herzog überlebte die Pilgerreise nicht. Er starb auf Rhodos.

Heinrich Primat schaffte es dagegen wieder nach Hause, wo er sein Gelübde wahrmachte: 1497 bemalte er sein Haus mit dem Heiligen Onuphrius. Aber warum wählte er den exotischen Heiligen? Vielleicht, weil sich einst ganz in der Nähe seines Hauses die von Stadtgründer Heinrich errichtete erste Kapelle mit den Reliquien des Heiligen befand.

Im späten 19. Jahrhundert ersetzte ein Gebäude Gabriel von Seidls das mittelalterliche am alten Eiermarkt beim Rathaus. Auch auf dessen Fassade war ein »Sanct Onuphrius« im Stil der Zeit zu sehen. Im Zweiten Weltkrieg wurden alle Häuser auf der Südseite des Marienplatzes völlig zerstört. Beim Wiederaufbau wurde die Baulinie um fünf Meter zurückversetzt, so dass der Platz heute größer ist. Das heutige Onuphrius-Mosaik entstand etwa 1960.

Und vielleicht verschafft das für die Kirchen so unbequeme Thema sexueller Übergriffe dem »Sanct Onuphrius« ja neue Aufmerksamkeit – in München und darüber hinaus.

Noch mehr Onuphrius

Ein Bild von Onuphrius befindet sich ganz in der Nähe auch am spätgotischen Pötschner-Altar in der St. Peterskirche. Ein weiterer Onuphrius ist im Münchner Dom zu finden: Links neben der Chorhauptkapelle (oder rechts von der Automatenuhr) befindet sich in der Sebastianskapelle. Wenn die Flügel von deren Auferstehungsaltar (der aus unterschiedlich alten Stücken zusammengesetzt ist) geöffnet sind, kommen im Schrein die Figuren des Apostels Andreas (oben, mit Andreaskreuz), des Ritterheiligen Rasso (links, mit bayerischer Fahne) und des Einsiedlers Onuphrius (rechts) zum Vorschein. Die beiden letzteren sind auch bei geschlossenen
Flügeln zu sehen. Und schließlich gibt es noch ein Fresko des Heiligen an der Kapelle der Blutenburg in Obermenzing. Aus konservatorischen Gründen sind die dortigen Originalfresken abgedeckt, die Holzverschalungen sind aber mit »malerisch interpretativ ergänzten Kopien« versehen.

 

Quellen:
Stefan Jakob Wimmer: Münchner Abrahams-Geschichten, 2008
http://www.heiligenlexikon.de/BiographienO/Onuphrios.html
http://www.bbkl.de/o/onuphrios.shtml

 

Kurzbeschreibung: 
Den Job als Münchner Stadtpatron teilt er sich mit dem viel prominenteren Heiligen Benno von Meißen (ca. 1010 - 1106). Doch die älteren Rechte in der bayerischen Landeshauptstadt hat eigentlich er: Sankt Onuphrius, Patron nicht nur der Weber, sondern auch der Prostituierten, Hermaphroditen und von sexuellen Übergriffen Bedrohten. Seit dem späten Mittelalter zierte jedes Haus am Marienplatz 17 das Bild des koptischen Wüstenheiligen. Und noch an anderen Orten in München kann man den heute etwas in Vergessenheit geratenen Onuphrius entdecken.
Ikone des Heiligen Onophrios, Kreta, 17. Jahrhundert.
Andreasaltar in der Sebastianskapelle der Münchner Frauenkirche: Die Heiligen Ra
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Adresse
Strasse: 
Marienplatz 17
PLZ: 
80331
Ort: 
München