Benno - der Heilige, gegen den Luther wetterte

Benno, Luther und ein Moslem

Die bisher einzige Kirche im katholischen Erzbistum München und Freising, die unter dem Patronzinium des Benno von Meißen steht, befindet sich in München dort, wo die Maxvorstadt an Neuhausen grenzt. Vor der neoromanischen Kirche St. Benno erzählt die Aluminiumskulptur eines muslimischen Künstlers die Geschichte des Heiligen, den es aus einstigen protestantischen Kernlanden in eine einstige katholischer Hochburg verschlagen hat.

Der 1953 in der Türkei geborene Bildhauer İskender Yediler hat für den Platz vor dem Hauptportal einen großen Aluminiumfisch geschaffen, aus dessen Maul ein Schlüssel ragt. Fisch und Schlüssel sind seine Attribute, Bennos Geschichte führt uns zurück in die Zeit des mittelalterlichen Investiturstreits:
Es war der Auftakt des Jahrhunderte andauernden Ringens zwischen Kaiser und Papst, wer Chef ist in der westlichen Christenheit – Pardon: die oberste Macht besitzt. Wer krönt, wer kürt wen? Das geistliche das weltliche Oberhaupt? Oder umgekehrt? Die karolingischen und ottonischen Kaiser hatten ihr riesiges Reich mit Hilfe der perfekt verzweigten, überall präsenten kirchlichen Strukturen regiert. Dazu hatten sie Bischöfe und Kleriker nach eigenem Gutdünken eingesetzt. Nun pochte der Papst darauf, dass nur der Kirche selbst (also ihm) dieses Recht zur »Investitur« der Bischöfe zustehe.

Unter dem deutschen König Heinrich IV. (1050 - 1106) und Papst Gregor VII. (1020 - 1085) eskalierte der schwelende Investiturstreit. Der Papst untersagte die Einsetzung von Bischöfen durch den König (Fastensynode in Rom 1075). Daraufhin ließ Heinrich den Papst durch eine deutsche Bischofssynode in Worms (1076) absetzen. Gregor antwortete, indem er den deutschen König mit dem Kirchenbann belegte und damit – Höchststrafe für einen König – aus der christlichen Gemeinschaft ausschloss. Durch den Bußgang nach Canossa (1077) erzwang Heinrich zwar die Aufhebung des Banns und rettete seine Krone, aber die Kirche gewann immer weiter an Macht.

Mitten in diese turbulente Zeit fällt das Leben des Benno von Meißen (ca. 1010 - ca. 1106). Benno (sein Name ist eine Kurzform des althochdeutschen »Bernhard« – »der Bärenharte«) stammte vermutlich aus einer sächsischen Grafenfamilie und wurde von Bischof Bernward in Hildesheim erzogen. 1031 wurde er Mönch, 1040 zum Priester geweiht. 1066 wurde er Bischof von Meißen. Weil er sich nicht an den militärischen Maßnahmen von König Heinrich IV. gegen den Sachsenaufstand beteiligte, hatte ihn dieser im September 1075 unter der Beschuldigung des Hochverrats gefangen gesetzt. Im Canossa-Jahr 1077 kam der Bischof wieder frei. Obwohl der Papst den Bann gegen König Heinrich aufgehoben hatte, beteiligte sich Benno mit Heinrichs Feinden an der Wahl des Gegenkönigs Rudolf von Schwaben.

Das vergaß ihm Heinrich IV. nicht. Nachdem er 1084 Papst Gregor aus Rom vertrieben hatte und sich zum Kaiser hatte krönen lassen, ließ er im April 1085 Benno von der Mainzer Synode exkommunizieren und als Bischof von Meißen absetzen. Zeitweilig schlug sich Benno nun auf die Seite des vom Kaiser eingesetzten Gegenpapstes Clemens III., den er in Rom besuchte. Auf dessen Empfehlung hin wurde er wieder in Meißen eingesetzt. Doch 1097 schloss sich Benno erneut der römischen Seite an und erkannte Urban II., der die Politik von Gregor VII. im Kampf mit dem Kaiser fortführte, als rechtmäßigen Papst an.

Diese Schaukelpolitik deutet an, dass Benno ein anpassungsfähiger, eher unkriegerischer Mann war. Weil er sich beim deutschen Drang nach Osten sehr um die Bekehrung der Slawen an Elbe und Ostsee verdient machte, hat man ihn als »Apostel der Wenden« bezeichnet. Als Patron wird er auch an der Lausitz, in Görlitz und Berlin verehrt. Ihm werden Ortsgründungen wie zum Beispiel Bischofswerda oder Bischheim zugeschrieben – aber auch die Anfänge des Weinanbaus im Elbtalkessel.

Zu einem Heiligen gehören Wunder, und die Legende will es, dass Benno einmal durch einen Schlag mit seinem Krummstab (zu bewundern im Münchner Dom) eine Quelle hervorspringen ließ. Vor allem aber ist es folgende wunderbare Geschichte, für die Benno bekannt ist: Als ihn der zum Kaiser aufgestiegene Heinrich absetzen ließ, soll Benno bei seiner Flucht aus Meißen die Bischofskirche abgesperrt und den Schlüssel in die Elbe geworfen haben. So war dem Kaiser und seinem Nachfolger der Weg in die Kirche versperrt – oder jedenfalls erschwert.

Fisch und Schlüssel

Aus Italien kehrte Benno zwar mit einem päpstlichen Empfehlungsschreiben zurück, aber die Legende will, dass er als einfacher Pilger unerkannt zurückkehrte. Bei seiner Einkehr in einem Gasthof wurde ihm vom Wirt ein kurz zuvor in der Elbe gefangener Fisch vorgesetzt. Und was fand sich in diesem Fisch? Der weggeworfene Domschlüssel! Durch dieses Zeichen als rechtmäßiger Bischof erkannt, habe man Benno freudig nach Meißen geleitet.

Freilich sind – und das ist der Witz an der Bennolegende wie an der Skulptur vor der Münchner Bennokirche – schon Fisch und Schlüssel für sich genommen zentrale christliche Symbole: der Fisch als Symbol für Christus und die Mahlgemeinschaft, der Schlüssel als das Symbol für das Petrusamt (und damit für die Kirche selbst, die für sich in Anspruch nimmt, mit dem Papst die Schlüsselgewalt zum Himmelreich zu haben). Aber, scheint die Skulptur von İskender Yediler zu fragen: Gibt dieser Fisch den Schlüssel nun heraus – oder verschlingt er ihn?

Nach seinem Tod wurde Benno jedenfalls im romanischen Meißener Dom begraben. Bei dessen Neubau ließ Bischof Withego I. (1266 - 1293) das Grab öffnen und bestattete die Gebeine Bennos in einer in der Mitte der Kirche erbauten Tumba. Das verstärkte die Benno-Verehrung, doch erst in der Reformationszeit, am 31. Mai 1523, sprach Papst Hadrian ihn heilig. Anlässlich der Erhebung der Reliquien am Benno-Tag (16. Juni) 1524 polterte Martin Luther mit seiner Schrift »Wider den neuen Abgott und alten teufel, der zu Meißen soll erhoben werden«. Alles nur Politik gegen die Reformation, wetterte Luther, Benno werde nicht etwa wegen seines Glaubens heilig gesprochen, sondern nur deshalb, weil er dem Papst damals gegen einen deutschen Fürsten geholfen habe.

Bennos Heiligsprechung konnte die Einführung der Reformation in Sachsen nicht stoppen. Protestantische Eiferer zerstörten Bennos Hochgrab im Meißener Dom. Doch schon vorher hatte man die Gebeine vorsorglich beiseite geschafft. 1539 kamen die Reliquien auf die bischöfliche Burg in Stolpen, später in den Wurzener Dom.

Der letzte Bischof von Meißen (jedenfalls vor der Wiedererrichtung dieses katholischen Bistums im Jahr 1921) war Johann von Haugwitz. Bischof seit 1555 führte er einen verzweifelten, aber vergeblichen Kampf um sein Amt und seine Besitztümer. Als die Sache mehr und mehr aussichtslos erschien, übergab er 1576 die mit einem Echtheitszertifikat versehenen Benno-Reliquien dem bayrischen Herzog Albrecht V., der sie in seine Residenz nach München überführte.

Die »Allgemeine Deutsche Biographie« von 1881 vermerkt, wie der letzte Meißener Bischof am seines Lebens nicht nur Benno-Gebeine, sondern auch den Zölibat aufgab: »Am 20. Octbr. 1581, 10 Tage nachdem der Kurfürst mit dem Domcapitel wegen Uebernahme der Stiftsregierung eine Capitulation abgeschlossen hatte, resignirte J. mit Vorbehalt von Amt, Schloß und Stadt Mügeln nebst Sornzig und anderen bestimmten Einkünften, um sich mit seiner Muhme [gemeint ist: Cousine] Agnes v. Haugwitz zu verheirathen; er starb am 21. Mai 1595 zu Mügeln, wo er auch begraben liegt.«

1580 kamen die Benno-Reliquien samt Mitra, Stab und Mantel des Bischofs von der Residenz in den Münchner Dom. Von der Kanzel der Frauenkirche wurde Benno feierlich zum Schutzpatron der Stadt München und des Herzogtums Bayern ausgerufen.

Münchens erster Schutzpatron, der Heilige Onuphrius, ist dadurch etwas in den Schatten Bennos geraten. Denn der Patron für Regen und
gegen Unwetter, Trockenheit und Pest, der Schutzheilige von Altbayern, München, Berlin und Görlitz; des Bistums Dresden-Meißen, der Fischer und Tuchmacher hat, wie es sich gehört nicht nur eine eigene Bauernregel (»Wer auf St. Benno baut, kriegt viel Flachs und Kraut.«). Sondern am 16. Juni auch bis heute einen festen und würdig begangenen Tag im katholischen Festkalender Münchens.

 

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http://www.st-benno-muenchen.de

Kurzbeschreibung: 
Martin Luther wetterte gegen ihn 1524 in der Schrift »Wider den neuen Abgott und alten teufel, der zu Meißen soll erhoben werden«. Mitten in der Reformationszeit wurde Bischof Benno von Meißen heilig gesprochen – was damals durchaus als politisches Signal zu verstehen war. Weil sie im protestantischen Sachsen nicht mehr sicher waren, bot Bayern-Herzog Albrecht V. den Reliquien in München ein katholisches Asyl – auch das ein politisches Symbol. Seit 1580 werden Bennos Überreste im Dom verwahrt. Dem Schutzpatron Münchens mit der historischen Nummer 2 ist in der bayerischen Landeshauptstadt eine neoromanische Kirche gewidmet. Vor ihr erinnert die Skulptur eines muslimischen Künstlers an das Leben Bennos, zu dessen Zeit ein heftiger Streit zwischen Kaiser und Papst tobte, der mit dem Bußgang nach Canossa nur vorläufig zu Ende war.
Die Pfarrkirche St. Benno ist einem der Schutzpatrone Münchens geweiht.
St. Benno-Silberbüste im Münchner Dom.
Hochgrab für Benno im Dom von Meißen, um 1270, in der Reformationszeit zerstört.
German Bestelmeyer (Entwurf) und Georg Albertshofer (Modellierung) schufen die B
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